05•03•2026

FTF Die Buchstaplerin #50 – Weltfrauentag

Die Anfang Februar verstorbene Politikerin, Pädagogin und Hochschulprofessorin Rita Süssmuth, die sich Zeit ihres Lebens konsequent für die Rechte von Frauen eingesetzt hat, musste auch oft in den eigenen Reihen gegen Widerstände und festgefahrene Klischees ankämpfen. Die Gleichstellung in Politik und Gesellschaft, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und der Einsatz gegen Diskriminierung und Gewalt waren für die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages zentrale Themen und eine gesellschaftliche Verantwortung für eine funktionierende Demokratie. Auch zum diesjährigen Weltfrauentag am 8. März erinnert ihr Vermächtnis daran, dass Frauenrechte nach wie vor keine Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft sind!


„Wir müssen der Diskriminierung der Frauen ein Ende setzen. Es gibt genügend Frauen, die gezeigt haben, was sie erreichen können. Wir brauchen niemanden, der uns sagt, was wir zu tun haben.“ Rita Süssmuth



Und so geht es auch in den Büchern der Kolumne um das Leben von Frauen im hier und heute und es zeigt sich in jeder erzählten Geschichte, mit welchen Herausforderungen sich der weibliche Teil der Gesellschaft immer noch konfrontiert sieht.

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Buchtipp mit Frauen

Lina Muzur lässt in 33 realen Sprachnachrichten Frauen zu Wort kommen, die in der Mitte ihres Lebens stehen und zeigt damit in Frauenprobleme (Hanser Berlin Verlag) ein vielschichtiges Kaleidoskop weiblicher Lebensrealitäten in Deutschland. Was die Frauen verbindet ist der Mut, offen und ungeschönt über ihre Probleme und ihren Alltag zu sprechen: an Themen wie Trauer und Tod, Liebe und Leid, Elternschaft und Care Arbeit, Wechseljahre, Krisen, Abschiede und Neuanfänge lassen sie uns teilhaben und trotz unterschiedlicher Lebenssituationen zeigt sich immer wieder die schwierige Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Aber die einzelnen Portraits schenken auch den Trost, nicht allein damit zu sein, geben Hoffnung und machen Mut zur Veränderung. Ein wichtiges, vielschichtiges Buch, das nicht nur von Frauen gelesen werden sollte!


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Frauenkopf mit Buchtitel

Um Leistungssport, gnadenlosen Wettkampf und Ausbeutung bis zu sexuellem Missbrauch geht es in Die Routinen der Kölner Autorin Son Lewandowski (Klett-Cotta Verlag), in der Fiktion und Fakten gekonnt miteinander verwoben werden.
Die 16jährige Kunstturnerin Izzy stürzt bei der Turm-EM in Antalya so schwer, dass sie im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt werden muss. Amik, die den Unfall von der Tribüne aus verfolgt hat, sitzt nun an Izzys Bett und reflektiert ihre eigene Zeit als Turnerin mit all den Routinen, der zerstörerischen Selbstwahrnehmung ihres Körpers, dem Drill und der Härte durch die Trainer, dem grausamen Wettbewerb untereinander und die damit verbundene soziale Vereinsamung. Beide Frauen definieren sich über ihren Sport und ihre Erfolge, doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Und was bleibt nach dem Karriere-Ende?
So ungeschönt ehrlich Son Lewandowski über die dunklen Schattenseiten eines Sports schreibt, der nach außen strahlt und glitzert, so schmerzhaft und hart ist die Wahrheit über die grausame, skrupellose Ausbeutung junger Mädchen, die mehr als Medaillen, denn als Menschen gesehen werden. Ein wichtiges Buch unserer Zeit mit einer besonderen sprachlichen Finesse, das hoffentlich aufrüttelt und Veränderungen anstößt!  


Wir freuen uns sehr, dass wir drei Exemplare „Routinen“ von Son Lewandowski  auf Instagram verlosen dürfen – ein herzliches Dankeschön an den Klett-Cotta Verlag


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3 Frauen mit Buchtipp

Die Riesinnen von Hannah Häffner (Penguin Verlag) ist ein Roman, der mir sehr am Herzen liegt -nicht nur weil er im Schwarzwald spielt, sondern auch weil er mir eine berauschende Lesezeit voller Poesie und kraftvoller Energie geschenkt hat.
In dem kleinen Schwarzwald-Dorf Wittenmoos leben die „Riessbergerinnen, die sogenannten „Riesinnen“ - drei Generationen wilder, unabhängiger und starker Frauen, die ihren Spitznamen ihrer Größe zu verdanken haben und die ihre Rolle als Außenseiterinnen annehmen und leben. Liese, die gegen Widerstände allein eine Metzgerei führt, Cora, die sich aus den eng gesteckten Grenzen befreien möchte und Eva, die in Wald und Natur ihre Bestimmung findet -alle drei streben nach Freiheit und Unabhängigkeit, haben gleichzeitig aber auch starke Wurzeln und eine unbedingte Liebe zu ihrer Heimat. Durch ihre Ecken und Kanten haben sie es nicht immer einfach mit ihren Mitmenschen, aber sie lassen sich nicht beirren und gehen ihren selbst gewählten Weg, der oft steinig ist und auch mal in die Irre führt.


„Dinge, die so sind, wie sie sein sollen, haben ihren eigenen Schmerz.“


Hannah Häffners beeindruckender Debüt- Roman dreier unvergesslicher, herausragender Frauen entschleunigt durch seine ruhige, intensive Sprache, besticht durch seine klug durchdachte Handlung und trifft mitten ins Herz – was für ein Geschenk, wenn Literatur das gelingt!


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3 Frauenköpfe mit buchtipp

„Spieglein, Spieglein an der Wand…“ – um Schönheit, Zugehörigkeit und Herkunft geht es in Betty Boras’ Roman Das schönste aller Leben (hanserblau Verlag), in dem Vio, die als Kind mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland geflohen ist, unter schweren Selbstvorwürfen leidet, weil ihrer kleinen Tochter nach einem Unfall in einem unachtsamen Moment Narben im Gesicht zu bleiben scheinen. Hat sie das Lebensglück ihrer Tochter auf dem Gewissen? Aufgewachsen mit der Bürde immer schöner, fleißiger und beliebter als ihre deutschen Mitschüler:innen sein zu müssen, bringt Vio dieser Unfall und die damit verbundenen Schuldgefühle an den Rand der Verzweiflung.
Auf einer zweiten Ebene wird die Geschichte von Theresia erzählt, die Mitte des 18.Jahrhundert von Österreich in ein rumänisches Arbeitslager deportiert wird und die für ihre Schönheit einen harten Preis zu zahlen hat. Beide Frauen verbindet ihre Suche nach Zugehörigkeit und nach dem „schönsten aller Leben“…
Betty Boras, deren eigene Wurzeln auch im rumänischen Banat liegen, erzählt in ihrem ersten Roman berührend, lebendig und voller Zärtlichkeit von Wurzeln und Heimat, Mutterschaft und Verantwortung, Frauenbildern und Schönheitsidealen und von dem großen Wunsch nach Zugehörigkeit. 


Am Ende bleibt für uns alle die Frage: Was ist es denn, „Das schönste aller Leben“? 


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Frau von hintern mit Buchtipp

Alena Schröder, vielen bekannt durch ihren Roman „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ überzeugt auch in ihrem neuen Buch Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel (dtv Verlag) mit einer fulminanten Geschichte, in der Familie, Erinnerung und die Kraft der Kunst im Mittelpunkt stehen. Abwechselnd wird hier von Marlen in der Nachkriegszeit in Güstrow und von Hannah im Berlin der Gegenwart erzählt: Marlen, die von der Künstlerin Wilma vor der russischen Armee gerettet und aufgenommen wird, soll in Wilmas Fußstapfen treten und sie in ihrer Malerei unterstützen. Hannah kämpft mit ihren Gefühlen für einen Vater, der nach Jahren der Abwesenheit wieder den Kontakt mit seiner Tochter sucht. Beide Frauen stellen sich die Frage nach der eigenen Identität und ihrem Platz im Leben. Und dann gibt es noch ein Bild mit einer Frau im blauen Kleid, das sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht…
Angelegt als dreibändige Reihe lässt sich jedes Buch auch unabhängig lesen, ohne dass es das genussvolle Schmökern schmälert. Alena Schroeder schenkt ihren Leser:innen starke, unvergessliche Frauenfiguren und verquickt stimmig eine berührende Familiensaga mit der Welt der Malerei und der Geschichte der BRD und DDR. Ein Gesamtkunstwerk!


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Frauenhand und Buchtipp

Schonungslos offen und sehr persönlich schreibt die niederländische Soziologin Christien Brinkgreve in Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen (Hanser Verlag; übersetzt von Lisa Mensing) nach dem Tod ihres Mannes eine Rückschau der gemeinsamen Jahre. Zurückbleiben das gemeinsame Haus und viele Erinnerungen, die Christien Brinkgreve nun aufarbeitet, ohne sich selbst etwas vorzumachen oder zu beschönigen. Es geht um zwei Menschen, die nach außen scheinbar perfekt funktionieren, aber innerhalb der eigenen vier Wände oft an Sprachlosigkeit leiden. Ein Ehemann, der in der Öffentlichkeit mit seinem Charme und seiner Großzügigkeit seine Mitmenschen beeindruckt, aber seiner Frau durch Eifersucht und Missgunst das Leben erschwert hat. Immer wieder ringt sie um Verständnis und stellt sich zeitgleich die Frage, ob sie sich in ihrer Ehe verloren hat. Und was möchte sie nun mit ihrer neuen Freiheit anfangen?
Brilliant und differenziert analysiert Christien Brinkgreve ihre eigene Beziehung und die Rolle der Frau in der heutigen Zeit zwischen Familie und Karriere, wobei sie auch sich selbst kritisch beleuchtet und hinterfragt. Es ist keine Abrechnung, sondern ein glaubhaftes Zeugnis einer langen Beziehung mit all den verbundenen Hochs und Tiefs. Ein nachdenkenswertes Buch, das viele Denkanstöße gibt!  


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2 Frauen mit Buchtitel

Außergewöhnlich und sehr unterhaltsam erzählt Anja Gmeinwieser in Wir Königinnen (Berlin Verlag) von einem Roadtrip zweier Frauen und 24 Kühen durch Europa: Die Ich-Erzählerin sucht in den italienischen Alpen Ruhe und klare Gedanken, scheitert aber an den eigenen Erwartungen. Als sie unerwartet in den Bergen die LKW-Fahrerin Anna mit ihrer Kuhherde kennenlernt, trifft sie spontan eine Entscheidung – sie möchte Anna auf ihrem Weg Richtung Türkei begleiten. Schon allein die Verständigung der beiden Frauen wird zur Herausforderung, aber zum Glück gibt es den Google-Übersetzer auf dem Handy, der aber auch für manche urkomische Situation sorgt. Während Anna sehr geerdet ist und ihr Leben mit Familie und Beruf gut im Griff hat, wabert die Ich-Erzählerin haltlos durchs Leben und scheut sich vor Entscheidungen. Doch die gemeinsame Fahrt bringt viele ungeahnte Herausforderungen und am Ende der Reise öffnen sich neue Türen…
Eine frische, witzige Road Novel mit Tiefgang, die allein schon durch die Zweisprachigkeit ein sehr besonderes Leseerlebnis bietet und zudem die Unterschiedlichkeit weiblicher Lebensrealitäten aufzeigt! 


 „Lasst uns aufstehen als Frauen – es ist nicht die Zeit, abzuwarten!“


Mit diesem eindringlichen Appell von Rita Süssmuth wünsche ich euch einen Weltfrauentag voller Inspiration und innerer Stärke, denn für Frauenrechte, Gleichstellung und Emanzipation müssen wir alle gemeinsam einstehen! Jeden Tag aufs Neue!

Wir lesen uns!
Eure Buchstaplerin

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Corinne


                                                      

Corinne mit Büchern auf Kiste

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