01•10•2026

FTF Die Buchstaplerin #54 – Die Kunst in Romanen

Je älter ich werde, umso lieber besuche ich Kunstmuseen und Ausstellungen – bildende Kunst eröffnet neue Perspektiven, macht glücklich, beflügelt die eigene Fantasie und bringt gleichzeitig Ruhe und Entschleunigung. Immer wieder bin ich fasziniert von der unglaublichen Kreativität, Leidenschaft und Hingabe, die sich hinter der dargestellten Kunst verbirgt, und neugierig auf die Menschen, die sie auf Leinwand gebracht haben.
 

Die Kunst in Romanen 

Unterschiedliche Lebensentwürfe, gesellschaftliche Relevanz und historische Hintergründe, aber auch als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit – all das spielt eine wichtige Rolle und schenkt neue Einblicke in die Welt der Kunstschaffenden.


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Wildboden

Von einer außergewöhnlichen Beziehung erzählt Constantin Lieb in seinem gerade erschienenen Roman Wildboden (Insel Verlag): Der Maler Ernst Ludwig Kirchner und seine Lebensgefährtin Erna Schilling führen in Davos-Frauenkirch ein Leben, das bestimmt ist von Kirchners Wirken, aber auch vom zunehmend politischen Einfluss Deutschlands Ende der 1930er-Jahre, der die Existenz der beiden bedroht. Erna versucht, den gemeinsamen Alltag zu meistern, Kirchners innere Dämonen und seine Morphium-Sucht in Grenzen zu halten und ihrem Leben die nötige Struktur zu geben, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Ein gewaltiger Drahtseilakt, der immer mehr ins Wanken gerät … Die Verbindung der beeindruckenden Bergwelt mit Kirchners genialer Kunst und Ernas Bemühen, den Alltag aufrechtzuerhalten, zeigt die Kontraste eines Künstlerlebens mit all seinen hellen und dunklen Tagen, Erfolgen und Niederlagen und wie nah Genie und Wahnsinn beieinander liegen können. Die poetische, bildhafte Sprache schafft eine künstlerische Atmosphäre voller Melancholie und erzählt eine Liebesgeschichte, die tief berührt und nachdenklich stimmt.


Lucy Steeds hat mit The Artist – Die Farben des Lichts (übersetzt von Hella Reese; dtv Verlag) einen opulent erzählten, farbenprächtigen Roman geschrieben, der seine Leser in die Provence der 1920er-Jahre entführt:

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The Artist -Die Farben des Lichts

Der Journalist Joseph Adelaide wittert die Chance seines Lebens, als er die Gelegenheit bekommt, in die Provence zu fahren, um dort den gefeierten Maler Edouard Tartuffe zu interviewen. Tartuffe lebt abgeschieden von der Öffentlichkeit mit seiner Nichte Ettie, die ihm den Haushalt führt. Als Joseph in Südfrankreich ankommt, muss er feststellen, dass Tartuffe ihn gar nicht eingeladen hatte, sondern dessen Nichte Ettie, und der junge Mann darf nur bleiben, wenn er für den Maler Modell sitzt. So kommt er auf ungeplante Weise dem Künstler und Ettie immer näher, und in der flirrenden Atmosphäre des Sommers kommen Geheimnisse ans Licht, die er so niemals erwartet hätte …
Beim Lesen spürt man die Sonne auf der Haut, man riecht und schmeckt die Provence in all ihrer Fülle, und man versinkt in einer Geschichte über Kunst und weibliche Selbstermächtigung – ein Roman voller Farben, Licht und Leidenschaft!


„Jedes von Margrittes Gemälden ist eine Sichtweise, die auf das Rätselhafte hindeutet.“ Bernard Noel


Da liegt es doch nahe, aus dem Rätselhaften einen Krimi zu machen, in dem sich Margritte & Georgette von Nadine Monfils (übersetzt von Sabine Schwenk; Eisele Verlag) als Detektive in Belgien auf Spurensuche machen.

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Margritte & Georgette, Corinne in Ausstellung


Rene Margritte hat an einer Straßenbahnhaltestelle die Vision einer jungen Frau in geblümtem Kleid, die er auf einem seiner surrealistischen Bilder malerisch verewigt. Kurz darauf wird eine Frau, die der Dame auf dem Gemälde verblüffend ähnlich sieht, ermordet aufgefunden. Margritte kann diesen Zufall kaum fassen und weiht seine Frau Georgette in sein Gedankenchaos ein. Zusammen mit dem ermittelnden Kommissar versucht das Künstlerpaar, Licht ins Dunkel zu bringen und den Ungereimtheiten, die der Fall mit sich bringt, auf den Grund zu gehen …
Nicht nur die kriminalistische Spurensuche, auch Margittes Kunst und Brüssel mit seinen kulinarischen Gepflogenheiten machen den besonderen Charme dieser neuen Krimireihe aus. Schräge Charaktere und spritzige Dialoge machen Spaß, und der gut konstruierte Plot lässt auch die Spannung nicht zu kurz kommen. Zum Glück gibt es schon einen zweiten Band: „Margritte & Georgette machen Ferien“ verspricht einen mörderischen Urlaub an der belgischen Küste.


Ende letzten Jahres hatte ich das große Vergnügen, in Basel die beeindruckende Ausstellung der japanischen Ausnahme-Künstlerin Yayoi Kusama besuchen zu können – ein unvergessliches Erlebnis, denn ihre Welt der Punkte, Farben und Formen begeistert Menschen egal welchen Alters. Sarah Suzuki hat zusammen mit der Illustratorin Ellen Weinstein für das Museum of Modern Art New York das Bilderbuch Eine Welt voller Punkte konzipiert, das das Leben von Yayoi Kusama erzählt und ein paar ihrer Kunstwerke erklärt.

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Yayoi Kusama

Es ist die inspirierende Geschichte einer Frau, die mit einer künstlerischen Vision im Gepäck die Welt mit ihren besonderen Bildern, Objekten und Installationen erobert hat. Das Buch zeigt aber auch gleichzeitig ihre dunklen Seiten, ihre Ängste und starken Gefühle.
Für Leser und Kunstinteressierte ab 7 Jahren ist das Buch ein gelungener Einstieg in den bunten Kosmos der Kunst und macht Lust auf weitere kreative Abenteuer. Auch nach ihrem Tod wird die Japanerin mit den knallroten Haaren und den bunten Punkten unvergesslich bleiben!


Eines meiner Lese-Highlights in diesem Jahr war der Debütroman All die Farben, all das Licht von Cora Wucherer (Klett-Cotta Verlag), der von zwei Schwestern erzählt, die sich trotz geschwisterlicher Konkurrenz unterstützen und füreinander da sind.

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All die Farben, all das Licht, Corinne im Museum

Die 17-jährige, sehr künstlerisch begabte Juna bekommt eine harte Diagnose: Sie wird innerhalb kurzer Zeit ihr Augenlicht verlieren. Die vier Jahre jüngere Martha fühlt sich schon immer im Schatten ihrer Schwester, und jetzt soll sie noch mehr Rücksicht üben? Der alleinerziehende Vater ist mit der Situation völlig überfordert und weiß nicht, wie er mit seinen beiden Töchtern umgehen soll. Die scheinbare Ausweglosigkeit der Situation bringt die Schwestern näher zusammen, doch immer wieder brechen sich Wut, Eifersucht und Neid Bahn, bis ein Roadtrip nach Schweden der ganzen Familie zeigt, wie wichtig Liebe und Zusammenhalt sind … Mit zärtlichen Bildern malt Cora Wucherer ein literarisches Gemälde voller Licht und Schatten, das das Leben und die Kunst in all seinen Farben feiert, Mut macht und Hoffnung gibt!


Die fantastischen Bilder der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint haben mich schon lange fasziniert und begeistert. Der Roman Hilma von den Autorinnen Sofia Lundberg, Alyson Richman und M. J. Rose (übersetzt von Karin Dufner; Taschenbuch im Piper Verlag) widmet sich dem Leben der besonderen Künstlerin, die als die Erfinderin der abstrakten Malerei gilt.

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Hilma, Corinne vor Skulptur

In Stockholm Ende des 19. Jahrhunderts prägen Männer die Welt der Kunst, doch damit will Hilma af Klint sich nicht zufriedengeben. Sie will selbstbestimmt leben, lieben und radikal neue Wege gehen. Zusammen mit ihren vier engsten Freundinnen sucht sie in Séancen eine Welt jenseits des Sichtbaren und setzt sie in großartige Kunst um, die aber zur damaligen Zeit nicht verstanden und wertgeschätzt wurde. Hilma war davon überzeugt, dass die Welt für ihre Art von Kunst noch nicht bereit war und verfügte testamentarisch, dass die Gemälde eingelagert und erst 20 Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden durften. Das ist einer der Gründe, warum ihre Kunst in Vergessenheit geraten ist, erst Mitte der 1980er wiederentdeckt und 2019 in einer grandiosen Ausstellung im New Yorker Guggenheim Museum gefeiert wurde. Der Roman „Hilma“ ist eine fesselnde Hommage an eine beeindruckende Frau und Künstlerin, die ihrer Zeit gesellschaftlich und künstlerisch weit voraus war!


Kunstgeschichte muss nicht immer bierernst und staubtrocken sein! Der Comedian und Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger gibt mit seinem Buch Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist die Kunstgeschicht (dtv Verlag) einen neuen Blick auf Kunststile, berühmte Werke und auf die Kunstschaffenden. Ihm gelingt dabei ein wilder Ritt durch 1000 Jahre Kunst, und jede Epoche wird dabei von ihm fachmännisch unter die Lupe genommen – immer mit einem Augenzwinkern und ohne je ins Alberne abzurutschen. Das Buch gibt einen fundierten Überblick, ist eine gelungene Mischung aus Wissen und Unterhaltung, erweitert unangestrengt den eigenen Horizont und nimmt die Angst vor dem Besuch im Museum oder einer Ausstellung. Im Gegenteil: Kunst kann und darf Spaß machen!

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Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist die Kunstgeschicht_Corinne

Was wäre eine Kolumne über die Kunst ohne ein Buch, das die eigene Fantasie in den Mittelpunkt stellt? Tawnie Jeanne Terry möchte mit ihrem Ugly Sketchbook (übersetzt von Thomas Hauffe; Laurence King Verlag) der persönlichen Kreativität Raum geben und dazu einladen, den eigenen Ideen Flügel zu schenken.

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Ugly Sketchbook_Corinne im Museum

Das leere Blatt Papier kann sehr einschüchternd wirken – wie und wo fange ich bloß an? Mit 10 spielerischen Aufwärmübungen und 20 einfachen Kunstprojekten lädt die Autorin zum spielerischen Umgang mit Skizzen und Farben ein und gibt dabei einen umfangreichen Werkzeugkasten an die Hand, mit dem sich auch eigene Ideen verwirklichen lassen. Neben Schritt-für-Schritt-Anleitungen finden sich in dem Skizzenbuch auch leere Seiten, auf denen man sich selbst ausprobieren kann. Egal, ob Anfänger oder Fortgeschrittene – hier findet jede(r) zu Kreativität und einem eigenen Kunstwerk!


Wir freuen uns sehr, dass wir drei Exemplare „Ugly Sketchbook“ von Tawnie Jeanne Terry auf Instagram verlosen dürfen – ein herzliches Dankeschön an den Laurence King Verlag. 


„Die Malerei ist eine Poesie, die man sieht und nicht hört, und die Poesie ist eine Malerei, die man hört und nicht sieht.“ Leonardo da Vinci


Schöner kann man es kaum ausdrücken – in diesem Sinne wünsche ich euch einen farbenfrohen Herbst!

Wir lesen uns!

Eure
Buchstaplerin
 

corinne mit Pinsel

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