Tausche Hitzewallungen gegen Herbstgefühle
Sabine hat sich ja schon letzte Woche zurückgemeldet und also ja, da bin ich auch wieder. Die Sommerpause ist vorbei und ich sitze tatsächlich wieder am Schreibtisch. Wobei „sitzen“ in den letzten Wochen ja ein ziemlich relativer Begriff war. Bei den Temperaturen war man doch eigentlich ständig damit beschäftigt, irgendeinen möglichst kühlen Platz zu finden, an dem man sich nicht sofort wieder klebrig fühlte. Ich weiß nicht, wie es euch ging, aber irgendwann war mir ziemlich egal, ob meine Haare gut lagen, meine Klamotten zusammenpassten oder ich überhaupt noch halbwegs gesellschaftsfähig aussah. Hauptsache, ich hatte einen Schattenplatz und irgendwo in Reichweite etwas Kaltes zu trinken oder Wasser, in das ich mich flüchten konnte. Ich habe tatsächlich diesen Sommer das gesamte Sortiment meines kleinen Supermarkts in der Straße immer wieder ausgiebigst studiert, weil ich mich dort einfach mal kurz wieder auf Normaltemperatur herunterkühlen konnte. Am liebsten hätte ich da meinen Schreibtisch und mein Bett aufgebaut.
Dieser Sommer war wirklich nichts für Anfänger.
Er hatte durchaus etwas von einem persönlichen Belastungstest – zumindest für mich. Früher haben wir uns über 30 Grad gefreut, heute überlegen wir bei 30 Grad, ob wir überhaupt noch vor die Tür gehen sollten. Ich habe mich irgendwann dabei ertappt, wie ich morgens als Erstes nicht mehr aufs Wetter geschaut habe, sondern auf die Temperatur im Schlafzimmer. Und wenn die unter 25 Grad lag, war das für mich schon fast ein Wellnessurlaub.
Aber jetzt ist September und plötzlich ist da diese andere Luft. Morgens ist es wieder ein bisschen frischer, abends wird es früher dunkel und ich kann es kaum erwarten, mal wieder einen gestrickten Pullover anzuziehen. Und ... ich liebe das Licht im September. Es ist das schönste Licht des Jahres. Die Sonnenuntergänge sind so intensiv und farbenprächtig, dass ich mich darin verlieren könnte.
Und wisst ihr was? Ich freue mich auf den Herbst.
Ich tausche gerne meine Hitzewallungen der letzten Wochen oder Monate gegen Herbstgefühle. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen in einem Alter bin, in dem ich nicht mehr jedem Sommer hinterhertrauern muss. Natürlich war es schön, barfuß herumzulaufen, lange draußen zu sitzen, spät ins Bett zu gehen und morgens nicht zu wissen, welcher Wochentag eigentlich ist. Aber irgendwann darf der Sommer auch wieder gehen. Er hat dieses Jahr einen Traumjob gemacht. Er war heiß. Sehr heiß sogar. Wir haben es verstanden.
Ich habe jedenfalls nicht vor, im September wehmütig am Fenster zu stehen und den letzten Sonnenstrahlen hinterherzuwinken. Manche meiner Freunde tun das! Ich freue mich viel zu sehr auf diese Jahreszeit, in der man wieder Lust bekommt, sich drinnen gemütlich einzurichten, ein Buch aufzuschlagen und den Abend nicht damit verbringen muss, sich mit einem Fächer Luft ins Gesicht zu wedeln.
Überhaupt habe ich im Sommer ziemlich viel gelesen, was anderes war ja auch kaum möglich. Und vielleicht ist das auch so eine Sache, die ich am Herbst liebe:
Lesen fühlt sich im Herbst einfach anders an.
Im Sommer liest man irgendwo zwischen zwei Sonnenbädern, mit Sand zwischen den Seiten und der ständigen Gefahr, dass einem der Schweiß aufs Buch tropft. Im Herbst kann man sich dagegen mit einem Kaffee oder Tee aufs Sofa setzen und völlig ungestört in eine andere Welt verschwinden.
Eines meiner Sommerbücher war Frau Boomer badet nackt von Tanja Samson. Allein dieser Titel hat mich schon neugierig gemacht, denn ich finde, wir Frauen sollten uns ohnehin viel öfter fragen, warum wir eigentlich so verdammt viel darüber nachdenken, was andere von uns denken könnten. Irgendwann muss doch auch mal Schluss sein mit dem ewigen Kontrollieren, Kaschieren und Optimieren. Wenn Frau Boomer nackt baden möchte, dann soll sie das bitte tun. Und wenn jemand meint, das müsse man in einem bestimmten Alter nicht mehr machen, dann darf dieser Mensch sich gerne mit etwas anderem beschäftigen.
Ich mag diese Vorstellung sehr, dass wir irgendwann nicht mehr versuchen müssen, uns kleiner zu machen, als wir sind. Im Gegenteil. Vielleicht ist jetzt genau die Zeit, in der wir uns erlauben dürfen, ein bisschen lauter zu werden, ein bisschen mutiger und meinetwegen auch ein bisschen verrückter. Wir haben schließlich schon genug Jahre damit verbracht, vernünftig zu sein.
Auf alle Fälle ein wunderbar unterhaltsames Buch, mit vielen „Aha-ertappt-Momenten“.
Dann habe ich Fünf, sechs, sieben, acht von Ewald Arenz gelesen und musste dabei wieder über diese merkwürdige Sache mit dem Älterwerden nachdenken. Wir lernen im Laufe unseres Lebens so unglaublich viele Dinge und gleichzeitig verlernen wir eine Menge. Zum Beispiel einfach etwas zu tun, weil es Spaß macht. Tanzen, ohne darüber nachzudenken, ob der Bauch dabei wackelt. Singen, obwohl man keinen Ton trifft. Sich aufbrezeln, obwohl man nirgendwo hingeht. Oder spontan irgendwohin fahren, ohne vorher drei Wochen lang sämtliche Eventualitäten durchzuplanen.
Ich glaube, wir sollten uns davon wieder etwas zurückholen.
Vielleicht ist der Herbst dafür sogar die bessere Jahreszeit als der Sommer. Im Sommer sind alle ständig unterwegs und haben das Gefühl, sie müssten möglichst viel erleben, weil schließlich Sommer ist. Im Herbst wird es ein bisschen ruhiger und genau diese Ruhe kann man wunderbar nutzen, um sich selbst wieder ein bisschen näherzukommen. Oder um festzustellen, dass man eigentlich ganz gerne mit sich selbst zusammen ist.
Das dritte Buch, Was wärst du ohne deine Sorgen von Martin Wehrle, hat bei mir noch einmal einen ganz anderen Gedanken angestoßen. Es ist ein wunderbarer Ratgeber mit vielen Übungen und Zwischen-Impulsen, der uns durch die Sorgen im Alltag führt.
Denn Sorgen haben ja eine erstaunliche Fähigkeit, sich breit zu machen. Kaum hat man eine Sache erledigt, fällt einem schon die nächste ein. Und wenn gerade wirklich nichts los ist, kann man sich zur Not immer noch Sorgen über etwas machen, das vielleicht irgendwann passieren könnte.
Ich kenne das natürlich auch.
Aber vielleicht sollten wir unseren Sorgen nicht ganz so viel Raum geben. Vielleicht müssen wir nicht jede Sorge bis zum Ende durchdenken und jedes mögliche Unglück gedanklich schon einmal komplett durchleben. Vielleicht dürfen wir uns auch mal fragen, was eigentlich übrig bleibt, wenn wir all diese Sorgen für einen Moment beiseitelegen.
Und da kommt bei mir ziemlich schnell die Freude ins Spiel.
Denn ich glaube, Freude ist nichts, worauf wir warten sollten. Nicht auf den nächsten Urlaub, nicht auf Weihnachten, nicht darauf, dass endlich fünf Kilo verschwunden sind oder dass irgendjemand anderes uns einen Grund liefert, glücklich zu sein. Freude kann auch an einem ganz normalen Dienstagabend stattfinden. In einem guten Gespräch, bei einem Glas Wein, bei Musik, bei einem Spaziergang durch den Herbst oder bei einem Buch, bei dem man plötzlich merkt, dass man seit einer Stunde die Welt um sich herum vergessen hat.
Und vielleicht sollten wir uns für die nächsten Monate genau das vornehmen: nicht ständig darauf zu schauen, was jetzt vorbei ist, sondern darauf, was jetzt wieder möglich wird.
Wir können wieder ins Kino gehen, ohne Angst zu haben, dass uns auf dem Weg dorthin die Frisur vom Kopf schmilzt. Wir können lange Spaziergänge machen, ohne uns vorher zu überlegen, wo der nächste klimatisierte Raum oder ein Wasserloch ist. Wir können Freunde zum Essen einladen und tatsächlich etwas kochen, ohne dass wir nach zehn Minuten über dem Herd das Gefühl bekommen, wir müssten dringend einen Notarzt rufen. Und wir können uns wieder gemütlich aufs Sofa setzen und behaupten, wir hätten heute einen ganz entspannten Abend geplant, obwohl wir eigentlich einfach nur keine Lust hatten, noch irgendwo hinzugehen.
Ich finde, das klingt ziemlich gut.
Und natürlich gehört zu meinem persönlichen Herbstgefühl auch etwas, auf das wir uns bei Fuck the Falten jedes Jahr besonders freuen:
Der neue More Amore Kalender ist da und inzwischen auch im Fuck-the-Falten-Shop erhältlich.
More Amore passt eigentlich zu jeder Jahreszeit, aber gerade jetzt gefällt mir der Gedanke besonders gut. Denn wenn draußen alles ein bisschen ruhiger wird, können wir uns doch selbst daran erinnern, dass das Leben nicht weniger schön wird, nur weil der Sommer vorbei ist. Vielleicht wird es sogar ein bisschen echter. Weniger Inszenierung, weniger „Wir müssen jetzt aber unbedingt noch ganz viel aus diesem Sommer machen“ und dafür mehr von dem, was uns wirklich guttut.
Mehr Liebe also. Mehr Lachen. Mehr Verrücktheit. Mehr Dinge, die man eigentlich schon immer mal machen wollte. Und vielleicht auch ein bisschen weniger darüber nachdenken, ob man dafür inzwischen zu alt ist.
Ich jedenfalls habe nicht vor, den Sommer zu vermissen.
Mal sehen, ob mir das gelingt, aber ich werde ihm erstmal freundlich hinterherwinken und sagen: Danke, war schön mit dir. Aber jetzt mach mal Platz.
Denn da kommt der Herbst. Und ich habe das Gefühl, der könnte richtig gut werden.
♥ Uli
© FTF, Sabine Fuchs und Ulrike Heppel
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