Time for Tacheles
Ein Fuck the Falten-Gespräch mit Nicole Staudinger über Time for Tacheles
Trommelwirbel, Trommelwirbel:
Sie ist Deutschlands bekannteste Kommunikationstrainerin, Spiegel-Bestsellerautorin und die Frau, die Millionen Menschen das Wort im Mund umgedreht hat — im besten Sinne und … sie ist unser ganz großes Vorbild – Nicole Staudinger. Sie begann ihre schriftstellerische Karriere unter nicht ganz einfachen Umständen: Mit 32 Jahren erhielt sie die Diagnose Brustkrebs und schrieb noch während der Chemotherapie ihr erstes Buch „Brüste umständehalber abzugeben“, das sofort auf der Spiegel-Bestsellerliste landete.
Zehn Bücher und über 500.000 Seminarteilnehmerinnen später hat sie gerade wieder ein neues Werk an den Start gebracht, das sie O-Ton – selbst am liebsten nicht hätte schreiben müssen: Time for Tacheles. Denn der gesellschaftliche Ton wird rauer, die Zündschnüre kürzer — und Nicole findet, es ist höchste Zeit, klarer, mutiger und trotzdem herzlicher zu sprechen.
Wir sind schon lange riesige Fans von Nicole und fanden, dass es jetzt wirklich mal an der Zeit wäre, ein Interview mit ihr zumachen. Da kam „Time for Tacheles” praktisch wie gerufen, um mal „herzlich zu sprechen”.
And now ... we proudly present ...
© Stephie Braun
Die Texte neben den Bilder von Nicole sind übrigens alles Themen aus ihrem neuen Buch "Time for Tacheles".
Fragen zu Time for Tacheles
FTF: Liebe Nicole, du sagst, du hättest dieses Buch lieber nicht geschrieben. Was hat dich trotzdem — oder genau deshalb — dazu gebracht, es zu schreiben?
Nicole: Ich hatte die Hoffnung, wir wären schon weiter gewesen. Also mit den Themen Gleichberechtigung und auch im Umgang miteinander. Aber meine Beobachtungen sind leider andere. Nicht nur, wenn ich Nachrichten schaue, oder mich in dieser Welt bewege, sondern auch in den Unternehmen, in denen ich bin. Förderprogramme, Netzwerke oder Diversity werden langsam, aber sicher gestrichen.
FTF: Du sprichst von einem „Vibe-Shift“ in der Gesellschaft. Woran merkst du persönlich, dass sich der Ton verändert hat — im Alltag, auf der Bühne, im Netz?
Nicole: In der Reihenfolge, möchte ich sagen. In den Unternehmen: Dadurch, dass eben viel wieder gestrichen wird, scheint das eine Art stummes Signal zu sein, dass der Ton sich in eine Richtung entwickeln darf. Und im Alltag habe ich den Eindruck, als ob die sozialen Wunden der Corona Krise noch nicht verheilt sind und jede Kleinigkeit sie wieder aufreißen.
Und im Netz, naja, darüber müssen wir nicht reden, oder?
© Paul Hüttemann
FTF: In deinem Buch stellst du 10 Strategien vor, um klarer und selbstbewusster zu kommunizieren. Welche davon ist für dich persönlich die wichtigste — und warum ausgerechnet die?
Nicole: Puh, ich liebe sie alle und sie sind so Situationsabhängig. Jetzt ist das Buch seit vier Wochen auf dem Markt und die Reaktionen sind so, dass die Leserinnen sehr dankbar für den Hinweis zum Schieflagenargument sind und auch die Techniken für das öffentliche Reden sehr mögen. Außerdem lese ich viel „Ich verwende ab jetzt nie mehr GENAU!“ Das freut mich sehr :-)
FTF: Du sprichst davon, dass wir uns oft selbst im Weg stehen. Was sind die häufigsten „inneren Saboteure“, die dir bei deinen Leserinnen begegnen?
Nicole: Wenn wir kein Verständnis von uns selbst haben, wenn wir uns nicht kennen mitsamt unseren Stärken und Schwächen, dann wird es schwer Tacheles zu reden. Und dieses Selbstverständnis das können wir nicht auslagern. Wir müssen damit uns selbst ins Gericht gehen und das ist natürlich eine Eigenverantwortung.
FTF: Gibt es eine unbequeme Wahrheit aus dem Buch, bei der du weißt: Die wird vielen richtig quer im Magen liegen?
Nicole: Ich vermute ja. ;-)
© Stephie Braun
Time for Tacheles im Alltag und in der Umsetzung
FTF: Hand aufs Herz: Wie viel Tacheles verträgt eine Beziehung – egal ob Job, Freundschaft oder Partnerschaft?
Nicole: Tacheles ist kein Synonym für „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ oder aber das Recht auf „Ich sag jedem meine Meinung!“.
Meine Meinung ist aber gar nicht immer gefragt. Meine Haltung aber sehr wohl. Job, Freundschaft und Partnerschaften haben andere Bedürfnisse. Wenn eine Freundin meinen Trost braucht, dann bekommt sie kein Tacheles. Wenn mein Partner mir hundertmal versprochen hat, mich in der Care Arbeit zu entlasten und dennoch nichts passiert, muss Tacheles kommen. Und natürlich meine Taten. Das ist so eine unbeqeume Wahrheit, nach der du eben fragtest: Wenn auf meine Worte keine Taten folgen – im Beispiel Care Arbeit: Wenn ich weiterhin alles aufräume – dann kann ich auch mit meiner Parkuhr reden. Das hätte dann die gleiche Wirkung...
Und überall, wo ich unsicher bin, was gefragt ist, hakt nach: „In welcher Rolle möchtest du meine Antwort? Brauchst du ne Schulter, Musik, einen Tipp oder nur Alkohol?“ ;-)
© Stefan Neumann
FTF: Was ist ein kleiner, konkreter Schritt für jemanden, der merkt: „Ich rede mir mein Leben gerade schön“?
Nicole: Aufschreiben! Alles aufschreiben. Ehrlich ohne Konzept von der Seele weg. Das Papier nimmt alles an. Und wenn dann schwarz auf weiß meine Schönrednerei steht, dann komme ich auch an die Themen dran.
FTF: Gibt es Situationen, in denen du bewusst nicht Tacheles redest?
Nicole: Wenn ich tröste.
Wenn ich zuhöre.
Wenn sich mir jemand anvertraut.
Wenn ich nicht im Vorhinein alle Hebel benutzt habe.
Time for Tacheles: Selbstbild & Gesellschaft
FTF: Wir leben in einer Welt voller Selbstoptimierung. Ist Tacheles reden ein Gegenmittel – oder am Ende nur die nächste Disziplin, in der wir „gut“ sein wollen?
Nicole: Mein Gott, was für Gedanken ihr Euch macht! Soweit hätte ich im Leben nicht gedacht. Vermutlich, weil mir Selbstoptimierung sooooo fremd ist.
FTF: Warum fällt es gerade Frauen oft schwerer, Klartext zu sprechen, ohne sich danach schlecht zu fühlen?
Nicole: Wir sind halt schnell im „Wenn ich das jetzt sage, hat das die und die Konsequenz...“-Modus. Und wir sind maximalst daran interessiert, dass sich alle immer wohlfühlen und stellen uns dann hinten an. Das sind nicht die besten Voraussetzungen für „tacheles“.
© Stephie Braun
Time for Tacheles: Ausblick & Persönliches
FTF: Du bist Botschafterin für Pink Ribbon und den Deutschen Kinderhospizverein, hast die AkadeMe gegründet und bist TV-Gesicht. Wie gelingt es dir, bei all dem die eigene Stimme nicht zu verlieren?
Nicole: Alles, was ich mache, geschieht mit meiner Stimme. Es gibt keine einzige Rolle, in der ich mich verstellen müsste. Das führt natürlich dazu, dass man auch schonmal Angebote abnimmt, weil es eben nicht zu meiner „Stimme“ passt. Das kaufe ich mit ein. Nur so kann ich sicher sein, bei mir selbst zu bleiben. Eine Weiterentwicklung schließt das (hoffentlich ) nicht aus.
FTF: Nicole, „Tacheles reden“ klingt nach Klartext ohne Rücksicht auf Verluste. Wann hast du zuletzt selbst gedacht: Okay, das war jetzt vielleicht ein bisschen zu ehrlich?
Nicole: Das ist es für mich auf keinen Fall.
Für mich ist es die Verpflichtung, dass wir keinen verbalen Hebel mehr liegen lassen.
Daher ist es eben auch keine Aufforderung jedem ‚ehrlich‘ meine Meinung überzustülpen.
© Stefan Neumann
... zu deiner Karriere und den anderen 9 Bestsellern
FTF: Dein erstes Buch „Brüste umständehalber abzugeben“ entstand während der Chemo. Welche Beziehung hast du heute zu diesem Debüt — und was hat es mit dir gemacht, dass es so schnell so viele Menschen berührt hat?
Nicole: Ich habe eine ganz besondere Beziehung zu diesem Buch. Ich lese, wenn’s mir nicht gut geht, selbst darin und es hilf mir noch heute. Dieses Buch ist nahezu naiv und vor allem ist es unmittelbar und nah dran. Ich hatte noch nichts verarbeitet, oder reflektiert. Und das ist vermutlich das, was so echt ist. Dass es so viele berührt hat, freut mich enorm und rührt mich sehr. Aber das war ja nie die Intention des Schreibens. Es diente primär der eigenen Verarbeitung.
FTF: Du hast über Schlagfertigkeit, Resilienz, Abnehmen, Glück, Laufen und jetzt gesellschaftlichen Wandel geschrieben. Gibt es einen roten Faden, der sich durch alle zehn Bücher zieht?
Nicole: Nee. Es sind die Themen, die im Leben zu mir kamen. Der rote Faden sind nur private Ereignisse. „Time for Tacheles“ ist das einzige Buch, was einen gesellschaftlich zeitlichen Bezug hat.
FTF: Mit „Leicht gesagt“ hast du nicht nur ein Buch, sondern auch einen Podcast gegründet. Was kann das Format Podcast, was ein Buch nicht kann?
Nicole: Immer weiter gehen. Ein Buch beende ich ja irgendwann. Der Podcast ist immerwährend und ganz nah dran an unseren HöhrerInnen. Und in einem Buch kann ich auch keine Antwort geben, auch das ist in unserem Podcast Format anders. Wir arbeiten ausschließlich mit den Zuschriften unserer Höherinnen und (es werden immer mehr!) Hörer.
© Paul Hüttemann
FTF: Wenn du einer Frau, die noch nie eins deiner Bücher gelesen hat, genau eines empfehlen würdest — welches wäre das und warum?
Nicole: Üblicherweise starten die Frauen mit der „Schlagfertigkeitsqueen“. Aber das ist nicht nötig. Es hängt davon ab, was du gerade brauchst: bisschen Glück, oder doch eher gute Kommunikation oder ein paar Kilo abnehmen, oder Laufen, oder ein bisschen was für die innere Treibkraft ...
FTF: Liebe Nicole, vielen Dank für diesen tollen Austausch mit dir. Für mich persönlich bist du ein großes Vorbild, eine Inpiration und Bereicherung und ich habe mich sehr gefreut, dieses Interview mit dir machen zu können.
Time for Tacheles (erschienen bei Droemer Knaur, April 2026) ist Nicole Staudingers zehntes Buch — und laut ihr das persönlichste und leidenschaftlichste. Der Ausgangspunkt: Ein gesellschaftlicher „Vibe-Shift“, den viele spüren, aber kaum benennen können. Der Ton wird rauer, alte Strukturen kehren zurück, Gleichberechtigung und Toleranz stehen unter Druck.
Sie reagiert darauf nicht mit Polemik, sondern mit einem konkreten Werkzeugkasten: 10 wirkungsvolle Strategien, um Selbstzweifel zu überwinden, die eigene Meinung klar zu kommunizieren und sich durchzusetzen — mit Herz, Haltung und Humor.
Das Buch ist ein Appell für Zivilcourage und Selbstermächtigung: Wer etwas zu sagen hat, soll die Bühne nicht den Lautesten überlassen. Erhältlich als Paperback und E-Book. Begleitet wird dieses wunderbare Buch von einer Live-Tournée mit Nicole.
Weitere Infos findet ihr unter nicolestaudinger.de
ALLE 10 BÜCHER VON NICOLE IM ÜBERBLICK
2015 Brüste umständehalber abzugeben (Spiegel-Bestseller)
2016 Schlagfertigkeitsqueen (Internationaler Bestseller)
2018 Stehaufqueen (Platz 2 Spiegel-Bestsellerliste)
2019 Ich nehm’ schon zu, wenn andere essen (Spiegel-Bestseller)
2020 Männer sind auch nur Menschen
2021 Von jetzt auf Glück (Spiegel-Bestseller)
2022 Leicht gesagt! (Bestseller und Podcast)
2023 Läuft schon! (Laufbuch / Motivation)
2024 Bin fast fertig, muss nur noch anfangen… (Anti-Prokrastination)
2026 Time for Tacheles (Neuerscheinung, April 2026)
© FTF, Sabine Fuchs und Ulrike Heppel
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