04•06•2026

There are no limits ...


... Oder etwa doch?



Bisher bin ich eigentlich mein ganzes Leben mit einem Glaubenssatz aus meiner Kindheit unterwegs gewesen: Alles ist möglich. Du musst es nur wirklich wollen.
Und meistens hat das auch funktioniert. Zumindest dann, wenn ich etwas wirklich wollte.
Ich bin mit 50 meinen ersten und bisher einzigen Marathon gelaufen, habe als Mountainbike-Anfängerin die Alpen überquert, viele Bücher geschrieben – darunter sogar einen Bestseller. Ich wollte eine Pro-Aging-Plattform aufbauen, und das ist Uli und mir mit Fuck the Falten tatsächlich gelungen. Und last but not least habe ich mir mit über 60 noch einmal eine Festanstellung als Grafikdesignerin geangelt.
 


Und nun? Nun wollte ich surfen lernen.


Image
 Name Sabine,-Surfen,-Surfen-50plus,-Surfen-60plus

Das hatte ich mir zu meinem 60. Geburtstag gewünscht: einen Surfkurs am Atlantik. 

Egal wo. Da ich den besten Ehemann der Welt habe, bekam ich genau das geschenkt.
Meine Vorfreude war groß, meine Bedenken überschaubar. Dabei bin ich eigentlich eher ein Wasserschisser. Aber ich wusste ja: Ein Anfängerkurs findet im Weißwasser statt. Also kein Grund, das Ganze abzusagen.
Kaum in Marokko am Atlantik angekommen, meldete ich mich deshalb direkt für eine Privatstunde an. Am Tag zuvor hatte ich am Strand die Surfer beobachtet und festgestellt, dass das mit meiner langjährigen Yoga-Praxis – heraufschauender Hund als Basis für das Aufstehen auf dem Surfbrett – eigentlich gar nicht so schwer sein konnte.
Etwas skeptischer wurde ich, als mein ebenfalls nicht mehr ganz taufrischer Surflehrer Hassan mir die Abfolge des Aufstehens auf dem Brett zeigte – den sogenannten Push-up. Erst einmal an Land.
Und dann sollte ich ihn nachmachen.
Was soll ich sagen? Es klappte überhaupt nicht.



Entweder war meine Hand im Weg oder mein Fuß. Manchmal auch 
beides gleichzeitig.


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Surfen 50plus, Surfen 60 plus


Da ich nur zwei Stunden gebucht hatte, ließ Hassan mich die Trockenübung vielleicht siebenmal versuchen. Vermutlich hatte er da schon erkannt, dass das Ganze für mich etwas anspruchsvoller werden würde als gedacht.
10 Prozent meiner Energie waren zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden.
Kleine Nebengeschichte: Kaum standen wir im Wasser, erklärte mir Hassan außerdem, dass er total auf ältere Frauen stehe.
 


Weitere 10 Prozent Energieverlust.



Nun sollte ich bäuchlings auf dem Surfbrett liegen. Hassan würde mich mit der auslaufenden Welle anschieben, und ich sollte aufspringen. Mit genau jener Bewegungsabfolge, die an Land schon nicht funktioniert hatte.
Aber ich gebe ja nicht so schnell auf. Schließlich gilt: Alles ist möglich, wenn man es nur wirklich will.
Und ich wollte wirklich. Weitere 20 Prozent Energieverlust weg – also mit diesem "etwas wirklich wollen".
Zwanzig Mal versuchte ich in etwa, nach dem Anschubsen auf diesem verdammten Surfbrett aufzustehen.
Ohne Erfolg.
Nach anderthalb Stunden war ich völlig erledigt. Die Energie war auf 0. Ich war ungefähr zwanzigmal ins seichte Wasser gefallen und hatte mir dabei vermutlich den mittleren Zeh gebrochen. Jedenfalls war er am nächsten Tag tiefschwarz.
Irgendwann hatte Hassan Mitleid. Mit vereinten Kräften versuchte er, mich bereits im Stehen auf dem Brett anzuschieben, damit ich wenigstens ein Foto bekomme.
Dieses Foto hat meinem Selbstbild allerdings einen ordentlichen Knacks verpasst.
Ich war fest davon überzeugt gewesen, zumindest halbwegs sportlich und mit leicht gebeugten Knien auf dem Brett zu stehen.
 


Das Bild zeigte etwas anderes.



Offenbar hatten mich da bereits sämtliche Kräfte verlassen.
Zwei Tage später hatte ich immer noch einen Muskelkater, der so heftig war, dass ich mich nicht ohne Festhalten auf die Toilette setzen konnte.
Warum ich euch das erzähle?
Weil mich dieses Erlebnis tatsächlich zum Nachdenken gebracht hat.
Sollte man ab einem gewissen Alter akzeptieren, dass vielleicht doch nicht mehr alles möglich ist?
Selbst wenn man gesund ist – und dafür bin ich sehr dankbar –, zeigt der Körper irgendwann nun einmal Gebrauchsspuren. Dann stellt sich die Frage: Was macht es mit mir, wenn ich plötzlich begreife, dass nicht mehr alles, was ich will, auch machbar ist?
 


Denn : Ein Surfkurs mit 60 plus liegt nun wirklich nicht außerhalb jeder Vorstellungskraft.



Vielleicht geht es also doch wieder um dieses ungeliebte Thema: Loslassen.
Loslassen von Vorstellungen. Von Bildern, die wir von uns selbst haben. Von dem Glauben, alles müsse genauso funktionieren wie früher.
Und vielleicht stattdessen neue Alternativen entdecken.

Ach ja, übrigens: Ich habe gegoogelt.
Es gibt Surfcamps, die sich auf Menschen über 50 spezialisiert haben, die surfen lernen wollen.
Vielleicht melde ich mich ja doch noch einmal an.
Denn vielleicht gilt ja weiterhin:



Alles ist möglich. Manchmal braucht es nur den richtigen oder einen altersgemäßeren Anlauf.



 


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Kommentare

Gabi Papst

Ich wünsch dir viel Glück beim Surfkurs #2. Ich persönlich bin keine Freundin des „man muss es nur wirklich wollen“, es gibt viele, viele Beispiele im Leben, dass Wille alleine oft nicht genügt. Und allen, die etwas „nicht geschafft“ haben, damit mangelnde Willenskraft unterstellt wird. Ich finde, der Versuch zählt!

liebe Gabi,
mein Surfkurs ist doch das beste Beispiel, dass wirklich wollen, manchmal eher hinderlich ist. Manchmal muss man eben etwas lockerer angehen, eher spielerisch... Da muss ich noch üben :))
Liebste Grüße
Sabine

Juliane Braun

Danke für Deine herrliche Geschichte! Habe sehr gelacht und hätte mich bestimmt noch schwerer getan als Du!!!

Liebe Juliane, ja das freut mich, dass ich dich zum Lachen bringen konnte. Ich kann auch darüber lachen. Und trotzdem hat es meinen Ehrgeiz geweckt und ich screenshotte gerade jeden Surfkurs 50Plus, der mir auf Instagram angezeigt wird ;))
Liebste Grüße
Sabine

Birgit de Fries

Liebe Sabine,
ich kann nur sagen, wenn es dir Spass macht, bleib dran, ich hab meinen ersten Kurs 2019 gemacht, kurz vor 60. Mir ging es genauso. Und auch heute sagen meine Kinder noch schwimmendes Treibgut im Weisswasser zu mir. Drei gebrochene Zehen später macht es dennoch unglaublich viel Spass und ich fühl mich wie ein Kind, was immer wieder aufs neue versucht, aufs Fahrrad ohne Stützräder zu steigen. Egal wie es aussieht, du bist nicht allein ;)

Liebe Birgit, du warst ja meine Motivation. Gabi hatte mir erzählt, dass du einen Surfkurs gemacht hast. ;)
I will keep you informed.
Liebste Grüße
Sabine

Kirsten Wulf

Super! Endlich noch eine, die mit 60+ versucht auf‘s Brett zu steigen. Es dauert einfach, ist auch für deutlich jüngere, selten ein „hopplahopp und ab die Post“, und ja, es ist irre anstrengend. Zeit nehmen, geduldig sein, nicht mit anderen vergleichen, Pausen machen. In die Wellen gucken. Atmen. Und noch mal probieren. Und nochmal. Und nochmal. Pause. Den Prozess genießen. Es ist ein Spiel. Ich muss mit 63 niemandem irgendetwas beweisen. Ich gönne mir eine neue Erfahrung. Wenn du dann plötzlich doch stehst und spürst, wie diese kleine weiße Welle dich trägt, das ist dann die Kirsche auf der Torte. Und irre schön.
Ich habe zum 60. einen Kurs in Marokko gemacht, der war so lala, dann drei Jahre nichts, und in diesem Mai hat‘s mich in Portugal doch noch mal gepackt. Wann verdammt, wenn nicht jetzt? Und was soll ich sagen? Ich stand. Nicht spektakulär, nicht perfekt, aber bitte, wen interessiert das?

Liebe Kirsten,
danke, du machst mir Mut! Ja, ich denke ich bleibe dran :). Ja, auch für mich ist es die Freude a neuen Erfahrungen, bin gespannt, wann mich die erste Welle mal trägt.. liebste Grüße Sabine

 

Christine aka …

Ach wie herrlich 😂ehrlich! Ich liebe deinen Mut und deine Offenheit. Und ich wünsche dir viel Spaß beim Kurs 2.0.
Vielleicht hilft dir ein neuer Satz besser: Ich versuche es! Und hab‘ Spaß daran 😎
Christine

Liebe Christine, ja ein bisschen lockerer. Das würde mir gut tun.. Ich werde es versuchen :))
Liebste Grüße
Sabine

 

Birgit von nor…

Liebe Sabine,
danke für Deine Ehrlichkeit und auch mal zuzugeben, dass etwas eben einfach NICHT so gut geht und der Wille allein nicht immer zum gewünschten Ziel führt. - Auch ich kann ein Erlebnis des "Scheiterns" beisteuern: Mit über 60 wollte ich eine neue Sprache (Schwedisch) lernen. Ich kann nur sagen, es war so mühsam! Immer wieder hast Du die entsprechende Vokabel vergessen! Nach einem halben Jahr habe ich aufgegeben. Zumal ich das Sprechen nur 1 oder 2 mal/anno im Land praktiziert hätte. - Hoffnung macht mir, dass es wesentlich leichter fällt, eine Sprache die Du z.B. in der Schule gelernt hast und nie mehr praktiziert hast, auch im Alter wesentlich leichter "neu" lernen kannst! - Ich fnde es aber nicht schlimm, auch mal zuzugeben, dass man etwas eben nicht mehr kann/lernen kann. Ehrlichkeit zu sich selbst gehört auch zum Altern!
In diesem Sinne, Grüße Birgit

Liebe Birgit,

zum Älterwerden gehört wohl dazu, das auszuschöpfen, was noch möglich ist, und nicht daran zu verzweifeln, dass manche Dinge eben nicht mehr so einfach sind wie mit 20. Aber das ist wohl ein Lernprozess.

Interessant, dass du diese Erfahrung mit Schwedisch gemacht hast. Ich habe einmal ein halbes Jahr Portugiesisch gelernt, und außer „Obrigado“ ist davon nichts mehr übrig geblieben.

Das Wichtigste ist, dass wir unseren Humor behalten.

Liebste Grüße
Sabine

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