19•06•2026

Wildwechsel #7 – Die FTF-Wechseljahre-Kolumne

Longdscheviti, äh Longevity.

Haben wir uns nicht alle gerade gefreut, dass wir nicht mehr ganz so gefallsüchtig sind wie mit Mitte 40? Dass wir nicht mehr zu allem Ja und Amen sagen, nur damit unser Gegenüber uns mag? Wir haben uns mühsam beigebracht, auf unsere Bedürfnisse zu hören – egal, was die Gesellschaft von uns erwartet.

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Longevity,-Frau-50plus,-Frau-60plus

Viele von uns sind zumindest teilweise aus dem Hamsterrad Arbeit ausgestiegen oder haben sich beruflich neu erfunden, damit wir das Gefühl haben, etwas Sinnstiftendes zu tun, statt all die Jahre nur zu performen, um noch besser zu werden und noch mehr zu verdienen.
Die Gen Z hat es begriffen und fordert im Berufsleben eine ausgewogenere Work-Life-Balance, um mehr Zeit für die eigenen Bedürfnisse zu haben.


Aber kaum ist der eine Performance-Bereich unwichtig geworden, 
ploppt schon der nächste auf. 


Leistungsgesellschaft eben, immer noch. Eine ganze Generation (okay, Übertreibung) ernährt sich inzwischen wie Leistungssportlerinnen und Leistungssportler. Proteine werden getrackt, Schlafstunden gezählt, und wer nicht zumindest jeden zweiten Tag ins Fitnesscenter geht, traut sich das kaum noch laut zu sagen.


Und was machen die Gen X und die Boomer:innen, die sich gerade noch darüber aufgeregt haben, ihr Leben lang Leistungspferdchen gewesen zu sein?



Sie machen es der Gen Z nach.
Denn jetzt können wir endlich zeigen, dass wir nicht nur in der Arbeit performt haben – wir performen auch beim Älterwerden.
Sollen die Jungen doch sehen, wie toll wir altern: mit ganz vielen Muskeln, ganz wenig Fett, ohne krummen Rücken, ohne Falten und überhaupt ganz ohne Krankheiten. Das Ganze nennt sich Longevity, und das steht für Langlebigkeit.
Nur damit mich jetzt niemand falsch versteht: Auch ich informiere mich gerne in Büchern und auf Plattformen nach neuesten Erkenntnissen. Ich mache seit 25 Jahren regelmäßig Sport, habe mich größtenteils gesund ernährt und wenig Alkohol getrunken. Aber jetzt, im Dschungel der tausend Möglichkeiten, die ich gegen mein natürlich gegebenes Altern unternehmen soll, werde ich manchmal richtig bockig.
Kollagen soll ich nehmen, damit meine Falten nicht so tief werden. Vitamin D, um der Osteoporose vorzubeugen. Bitte nicht zu viel Ausdauersport – das könnte mein Cortisol triggern. Dafür etwas mehr Krafttraining, denn ab 30 verlieren wir angeblich jedes Jahr ein Prozent unserer Muskelmasse. Zucker ist ganz schlecht, weil er Bauchfett fördert. Alkohol ist sowieso böse. Und wenn der Schlaf schlecht ist, hat man ohnehin schon verloren.


Natürlich würde ich auch gerne so lange wie möglich gesund bleiben. 


Aber ich kann nicht ganz aus den Augen verlieren, dass wir Menschen eben nur zu einem gewissen Teil Herrinnen und Herren unserer Gesundheit sind.
Als ich vor neun Jahren mit einer ernsten Erkrankung im Krankenhaus lag und mich bei einem Arzt darüber beklagte, dass ich trotz hervorragender Fitness und gesunder Ernährung nun erkrankt sei, schaute er mich müde an und sagte: „Ihnen ist schon klar, dass wir hier viele junge Sportlerinnen mit schweren Erkrankungen liegen haben?“
Wir haben eben nicht alles in der Hand – auch wenn uns die Longevity-Industrie das gern weismachen möchte.


Das ist kein Aufruf, dass wir Älteren uns gehen lassen sollen. 


Aber ich finde, wir müssen nicht noch ein zweites Mal in unserem Leben irgendjemandem etwas beweisen.



Deshalb werde ich entspannt alt werden.
Ja, ich gehe ins Krafttraining. Aber ich laufe auch, obwohl meine Gelenke mir manchmal etwas anderes sagen. Ich trinke weiterhin Alkohol, wenn mir danach ist, esse Zucker und habe deshalb einen Menobauch.
Ich halte es wie Susanne Liedtke von Nobodytoldme:


 Für mich gilt die 80-Prozent-Regel. 


80 % meiner Zeit versuche ich mich gesund zu ernähren, versuche ich so Sport zu machen, dass es mir hilft meinen Gesundheitsstatus zu erhalten
Aber die restlichen 20 Prozent  (manchmal auch 30) haue ich auf die Pauke.
Ich esse spät abends, weil es einfach Spaß macht, in lauen Sommernächten auf der Terrasse noch eine Pizza zu essen. Ich trinke im Urlaub einen Campari Orange zum Sonnenuntergang. Und manchmal liege ich einfach den ganzen Tag auf meinem Daybed am Balkon und wundere mich am Abend darüber, dass mein Handy tatsächlich nur 150 Schritte anzeigt.
Ich habe einfach keine Lust mehr, perfekt zu sein – geschweige denn, perfekt alt zu werden.


Longdscheviti, du kannst mich mal!


Die schöne Illu stammt von unserer Bürokollegin Sabine Lemke. www.sabinelemke.de
 


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