Alt genug
„Alt genug“ – das neue Buch von Ildikó von Kürthy – durften wir bereits vorab lesen. Und ich kann schon jetzt sagen: Es ist ein besonderes Buch. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, mit einer guten Freundin über das Älterwerden zu sprechen. Irgendwie vertraut, aber auch nicht immer einer Meinung. Zu fast jedem Kapitel des Buchs fällt mir ein eigener Gedanke ein.
Denn für vieles im Leben fühle auch ich mich inzwischen alt genug.
Komische Komplimente
Ich bin inzwischen alt genug, um mich über einen Satz nicht mehr zu freuen: „Du siehst aber gut aus für dein Alter.“ Was genau soll das eigentlich heißen? Warum kann man nicht einfach gut aussehen – Punkt?
Und wer hat überhaupt beschlossen, dass ich jünger aussehen möchte?
Vielleicht will ich genau so aussehen wie 50. Oder 60. Oder 70. Vielleicht möchte ich ja, dass man mir mein Leben mit all meinen Erfahrungen ansieht.
Das aktuelle Schönheitsideal scheint jedoch in eine andere Richtung zu marschieren: möglichst faltenfrei! Altern ja – aber bitte unsichtbar. Meine grauen Haare sind für mich aber kein Makel, sondern ein Signal. Sie sagen: Ich zeige mein Alter. Und ja, ich finde, man kann auch alt gut aussehen.
Ildikó schreibt dazu: „Ich kann mich gar nicht genug darüber aufregen und finde es wichtig, immer und immer wieder zu sagen, dass Altwerden und Altsein kein Makel ist, sondern eine natürliche Lebensphase, die zu Unrecht in Verruf geraten ist, nur weil auf sie in der Regel der Tod folgt.“
Loslassen
Älterwerden ist eine dauernde Übung im Loslassen. Ich tue mich schwer damit. Dabei hatte ich doch schon so viele Gelegenheiten, es zu üben.
Als unser Nesthäkchen auszog, fühlte sich das an wie Liebeskummer. Ich wusste, etwas Unwiederbringliches ist vorbei. Dass jetzt ein Abschnitt (mein Leben zusammen mit den Kindern) endet, der niemals zurückkehren wird.
Auch die Abschiede von geliebten Angehörigen sind in den vergangenen Jahren häufiger geworden. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – habe ich noch immer Schwierigkeiten mit der Trauer. Ich möchte sie lieber wegschieben statt sie auszuhalten.
Möchte nicht wahrhaben, dass etwas Schönes einfach vorbei ist.
In Ildikós Buch habe ich dazu eine wunderbare Lebensweisheit gefunden: „Lebe jeden Tag, als wäre er der erste.“
Mein Gedanke dazu: Wenn jeder Tag ein Anfang ist, dann verliert das Ende ein wenig von seinem Schrecken. Vielleicht kann das Loslassen leichter werden, wenn ich neugierig bleibe auf den ersten Tag meines neuen Lebens.
Kostbares Leben
Gerade an grauen Tagen merke ich besonders deutlich, wie viel es in meinem Leben gibt, wofür ich dankbar bin. Zum Beispiel für den guten Kontakt zu meinen erwachsenen Töchtern. Das ist nicht selbstverständlich.
Auch nicht, dass ich gesund bin und mein Körper mich größtenteils immer noch vieles machen lässt, was ich will.
Ich bin dankbar, dass ich zusammen mit Uli diesen Blog gegründet habe. Er hat uns inspiriert und mit Menschen zusammengebracht, die wir sonst nie kennengelernt hätten.
Ich bin dankbar für meine lange, glückliche Ehe und für die vielen gemeinsamen Jahre. Und wenn ich zurückschaue, sehe ich unzählige tolle Erlebnisse und Reisen.
Im Sommer wird mir das oft besonders bewusst. Abends denke ich dann manchmal darüber nach, wie viele gute Momente in so einen einzigen Tag passen.
Vielleicht hängt diese Dankbarkeit auch damit zusammen, dass meine Lebenszeit überschaubarer wird. Was ich früher für selbstverständlich gehalten habe, sehe ich heute klarer als Geschenk. Und das ist für mich eine der positiven Seiten des Älterwerdens.
„Ich bin so frei und selbstbestimmt, weil ich mein Leben in all seiner Endlichkeit und Kostbarkeit vor mir sehe, weil ich jede Sekunde davon erleben möchte … (Ach wie schön, Ildikó!)
… und trotzdem vor Mitternacht im Bett sein möchte!“ (Nein, Ildikó!)
Auch wenn ich älter bin als du, werde ich bestimmt noch lange die letzte auf der Party sein und das auch ganz ohne Alkohol, denn ich gehöre zu den Menschen, die du beneidest. ;-) Aber dazu mehr im neuen Buch „Alt genug“ von Ildikó von Kürthy. Es lohnt sich!
© FTF, Sabine Fuchs und Ulrike Heppel
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