Wildwechsel #6 – Die FTF-Wechseljahre-Kolumne
Ich bin 61 und ich sehe aus wie 61!
„Für dein Alter siehst du aber gut aus.“
„Ich dachte, du bist Anfang 50!“
Diese Komplimente, die in Wirklichkeit gar keine sind, kennen wir doch alle, oder?
Für mich sind diese Sätze eigentlich nur eines: sie diskriminieren das Altwerden.
Auch der Trend auf Instagram, bei dem Frauen mit Mitte 50 ihre Beine in einem Reel zeigen und dazu schreiben: „Ich bin 55 und sehe aus wie 35“ oder „Ich habe Beine wie 25“ – auch das wirkt auf mich problematisch.
In meinen Augen diskriminieren sich diese Frauen damit selbst.
Wir müssen uns doch nur einmal die umgekehrte Version vorstellen: „Ich bin 35 und sehe aus wie 55.“ Das wäre höchstens der Beginn einer Comedy. Niemand möchte älter aussehen. Alt sein, alt aussehen – das ist in unserer Gesellschaft immer noch verpönt.
Alter = hässlich.
Jugend = schön.
Noch schlimmer:
Alter = Verlust.
Jugend = Wert.
Ich frage mich, wann sich diese Glaubenssätze in unsere Köpfe eingebrannt haben.
Warum können wir Falten, Tränensäcke und verschwimmende Jawlines nicht auch schön finden? Als Zeichen gelebter Jahre?
Wenn ich in der U-Bahn sitze und ein altes Gesicht neben einem jungen sehe, versuche ich herauszufinden, warum ich das junge Gesicht ansprechender finde. Dabei könnten wir doch genauso gut in alten Gesichtern die Spuren eines interessanten Lebens entdecken. Die Zeichen des Alters könnten uns auch einfach neugierig machen: Was hat dieser Mensch wohl erlebt, dass er so tiefe Falten um die Augen hat?
Aber was wäre, wenn wir unseren Blick auf Gesichter umerziehen könnten?
Wenn wir Falten wie einen spannenden Film sehen würden – denn Filme, in denen alles glatt läuft, sind bekanntlich langweilig.
Ja, was wäre dann?
Vielleicht würden wir erkennen, dass Schönheit mit dem Alter nicht verschwindet, sondern sich einfach verändert.
(PS: Die schöne Illu stammt übrigens von unserer Bürokollegin Sabine Lemke. www.sabinelemke.de)
© FTF, Sabine Fuchs und Ulrike Heppel
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Kommentare
Ich denke, wenn wir unser Alter nicht mehr schamhaft verheimlichen, sondern es einfach stolz und frei benennen wie es ist, tun wir schon einen ersten guten Schritt, das Alter in Zukunft positiv oder neutral gesehen wird. Der negativen Konnotation von ALT setzen wir mit dieser Offenheit einen Kontrapunkt entgegen.
Der Mann Udo Jürgens hat es doch treffend beschrieben: mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!
Herzlichst, Birgit
Liebe Birgit, ja das ist ein guter Gedanke. Das ist ja auch noch relativ neu, dass Frauen ihr Alter nicht mehr verheimlichen ...
Das erklärt natürlich auch, warum gerade Frauen und Alter noch so schambesetzt sind ..
Lieben Gruß
Sabine
Danke, Danke, Danke. Ich unterschreibe jedes Wort, diese Accounts mit „meine Beine sind die einer 25jährigen“ furchtbar. Alle wollen alt werden wollen alle, aber altersgemäß aussehen, nein danke. Lieber ein fröhliches Gesicht voller Falten, als ein faltenfreies unglückliches.
Liebe Elke, ja, tatsächlich sollte es ja eher so sein. Ich bin 61 und habe Beine wie eine 61-Jährige und zeige diese „vielleicht“ gerne her.
Alles Andere dient ja nur dem Altersshaming..
Liebste Grüße
Sabine
Mein Alter habe ich nie verheimlicht, im Gegenteil, ich sage immer, dass ich 72 bin, dabei werde ich erst im September so alt. Sich jünger machen oder gar das Alter verheimlichen, ist für mich einfach nur albern. Wir können doch stolz sein und haben noch so viel zu bieten.
Beim Tanz in den Mai - letzte Woche -, habe ich eine wunderschöne Frau gesehen. Ich schätze mal, sie war um die 60. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie wunderschön finde. Erst hat sie gestutzt und dann strahlte sie über das ganze Gesicht. Wir Frauen sollten das öfters machen und uns gegenseitig bestärken.
Liebe Karin, ja, anderen Frauen Komplimente zu machen ist wirklich wundervoll!
Ich wünsche Dir einen schönen Mai!
Sabine
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