FTF Die Buchstaplerin #49 – Über Namen
„Namen sind Schall und Rauch - doch sie tragen Geschichten.“ William Shakespeare
Was wäre die Welt der Literatur ohne all die Geschichten, verbunden mit Namen, die uns im Gedächtnis bleiben! Angefangen mit den Büchern, die uns durch die Kindheit begleitet haben, wie Heidi, Michel aus Lönneberga, Das doppelte Lottchen oder Alice im Wunderland, geht es weiter mit den Klassikern wie Wilhelm Tell, Anna Karenina, Romeo & Julia, Jane Eyre oder Robinson Crusoe; und bis heute bleiben bestimmte Namen in Romanen für uns unvergesslich: denken wir dabei nur an Harry Potter, Miss Marple, Der große Gatsby oder Alexis Sorbas. Bestimmt verbindet jede von uns mit Namen noch andere Bücher und Figuren.
Auch bei den aktuellen Neuerscheinungen finden sich einige Namen, hinter denen sich spannende, bereichernde und Herz erwärmende Geschichten verbergen:
Torsten Woywod hat mit seinem Debutroman „Mathilde und Marie“ (dtv Verlag) eine Ode an die Kraft der Literatur und an das Lesen geschrieben. Er entführt uns in ein kleines Bücherdorf in den belgischen Ardennen, das eingebettet in einer Ruhe schenkenden Naturkulisse, fernab von Hektik und anstrengendem Lifestyle liegt. Dorthin verschlägt es durch Zufall Marie, die dringend eine Auszeit von der Großstadt-Hektik benötigt und nach anfänglichen Schwierigkeiten den neuen Lebensrhythmus zu schätzen lernt. Die Gespräche und Begegnungen im Ort bringen andere Seiten in Marie zum Klingen, aber auch durch Maries Anwesenheit entstehen Veränderungen und es gelingt ihr, die mürrische Mathilde aus ihrem Schneckenhaus zu locken …
Die Geschichte lässt uns von einer heilen Welt träumen und zeigt uns, wie wichtig Freundschaft und Zusammenhalt in herausfordernden Zeiten sind.
Auch wenn die Botschaft nicht neu ist, versteht es Torsten Woywod durch seine fein gezeichneten Charaktere, die bildhaften Beschreibungen und die liebevoll erzählte Handlung einen Wohlfühlort zu erschaffen, den man nicht mehr verlassen möchte!
Der irische Schriftsteller Graham Norton erzählt in dem Roman „Eine wie Frankie“ (Rowohlt Verlag; übersetzt von Solke Jellinghaus) vom ungewöhnlichen Lebensweg einer jungen Frau aus der irischen Provinz nach New York in den 1960er-Jahren: Aufgewachsen in der Nachkriegszeit und unglücklich verheiratet flieht Frankie ohne Plan und Geld aus Irland, auf der Suche nach einem glücklicheren Leben. In New York erhofft sie sich einen Neuanfang, ist aber zunächst überwältigt von einer Stadt, die niemals zur Ruhe kommt. Als sie sich in den Chauffeur Joe verliebt und in die Künstlerszene von Greenwich Village eintaucht, scheint sich alles in die richtige Richtung zu entwickeln, und ihr Job als Köchin in einem angesagten Szene-Lokal ist das i-Tüpfelchen zu ihrem persönlichen Glück. Doch dann wird Frankie von ihrer Vergangenheit eingeholt, die sie viel zu lange verdrängt hatte und die nun ihre Existenz gefährlich bedroht …
Frankie, die als 84-jährige, pflegebedürftige Frau ihr Leben erzählt, habe ich von der ersten Seite an in mein Herz geschlossen:
ihr Mut, ihre Sensibilität, ihre offene, kluge Art und ihre Liebe zum Leben machen es unmöglich, sie nicht zu mögen und man fiebert von Seite zu Seite mit, möchte sie begleiten, sie unterstützen und ihr eine gute Freundin sein!
Ein Buch, das mich erschüttert und umgetrieben hat, ist Sarah Kuttners Geschichte über „Mama & Sam“ (S. Fischer Verlag).
„Im Dielenboden der kleinen Altbauwohnung, etwa dort, wo das Schlafzimmer abgeht, befindet sich ein ausgesägtes Loch in der Größe eines Menschen. Nicht irgendeines Menschen, sondern meiner Mutter.“
Eine Tochter steht in der Wohnung ihrer tot aufgefundenen Mutter und sieht sich mit einem Berg an Fragen und Ungereimtheiten konfrontiert. Mutter und Tochter hatten Zeit ihres Lebens eine schwierige Beziehung, doch als die Protagonistin die Hinterlassenschaften durchschaut, macht sie die erschreckende Entdeckung, dass ihre Mutter vor ihrem Tod schon länger eine Chat-Beziehung zu einem sogenannten Love Scammer, eine Art digitalem Heiratsschwindler, hatte, der sie emotional abhängig gemacht und um über 100.000 Euro „erleichtert“ hat. Die Tochter würde ihre Mutter gerne verstehen und so vertieft sie sich in den Chatverlauf - ein schmerzhafter und aufschlussreicher Prozess, der vieles neu beleuchtet und dessen Erkenntnisse der Mutter-Tochter-Beziehung eine andere Form von Nähe und Zuneigung schenkt … Die Geschichte hat viele autobiografische Züge und die Erzählperspektive aus der Sicht der Tochter macht den Roman so authentisch und nachdenkenswert.
Sarah Kuttner arbeitet nicht nur eine komplizierte Mutter-Beziehung auf, sondern leistet auch wichtige Aufklärung über Internet-Dating und Liebesbetrüger, die die Einsamkeit und Naivität ihrer Opfer schonungslos ausnützen.
Keine leichte Kost, aber erschreckend wichtig, um sich und andere zu schützen!
Mit „Und Hedi springt“ ist Tom Saller ein spannendes Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte und gleichzeitig eine Hommage an seine Großmutter gelungen, die uns spannende Einblicke in die Zeit des Wiederaufbaus gibt: Im Hungerwinter 1946/47 begegnet die hochschwangere, aus Pommern geflüchtete Hedi dem charismatischen Textil-Unternehmer Alfons Müller-Wippenfürth, später in Deutschland bekannt als „Hosenkönig“, der das Potential der jungen Frau erkennt und sie als persönliche Assistentin einstellt. Als alleinerziehende Mutter sieht sie sich zur damaligen Zeit mit vielen Vorurteilen und Misstrauen konfrontiert, aber Hedi geht unbeirrt ihren eigenen Weg und wird Teil einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte in der Welt von Stoffen, Schnittmustern und Nähmaschinen. Doch der Thron des Hosenkönigs beginnt zu wackeln, als sich die wirtschaftlichen Gegebenheiten in der BRD verändern und er an seinen Vorstellungen festhält - aber auch für Hedi stehen Veränderungen an … Kunstfertig verwebt Tom Saller das Leben seiner Großmutter Hedi mit deutscher Geschichte und einem spannenden Portrait eines wirtschaftlichen Emporkömmlings. Voller Empathie zeichnet der Autor Hedis Suche nach Freundschaft und Liebe, Akzeptanz und Vertrauen und lässt uns teilhaben an einem äußerst bemerkenswerten Frauenleben in der Nachkriegszeit.
„Der andere Arthur“ von der amerikanischen Autorin Liz Moore (C.H. Beck Verlag; übersetzt von Cornelius Hartz), die mich zuletzt mit ihrem Pageturner „Der Gott des Waldes“ begeistert hat, handelt von zwei einsamen Außenseitern, die der Zufall und das Leben zusammenführt: Arthur ist ein ehemaliger Literaturprofessor, wiegt 250 Kilo und hat seit fast zehn Jahren sein Haus nicht mehr verlassen. 30 Kilometer von ihm entfernt lebt der 17-jährige Kel, der von einem Sportstipendium träumt, dessen Alltag aber von den Sorgen um seine kranke Mutter bestimmt wird. Kels Mom war einst eine vielversprechende Studentin von Arthur und in ihrer großen Not bittet sie ihren früheren Professor um Hilfe. Dieser Notruf weckt Arthur aus seiner Lethargie und er öffnet sich wieder für Veränderungen. So unterschiedlich Kel und Arthur auf den ersten Blick wirken, verbindet beide die Einsamkeit und die Sehnsucht nach einem anderen Leben - indem sie Nähe zulassen, verändert sich ihr Blick auf die Welt …
Eine einfühlsame, zarte und hoffnungsvolle Geschichte über Freundschaft und Fürsorge, Abschiede und Neuanfänge, die zeigt: Es ist nie zu spät für Veränderungen und neue Herausforderungen, wir müssen sie nur zulassen!
„Wie viel Miteinander man hat, merkt man erst, wenn die schweren Zeiten kommen.“
„Maya und Samuel“ versuchen in dem realistisch unsentimentalen Roman von Franziska Fischer (DuMont Verlag) ihre große Liebe zu retten, die ein Schicksalsschlag auf eine harte Probe stellt: Seit ihrer Kindheit verbindet Maya und Samuel eine tiefe Freundschaft -sie unterstützen sich immer gegenseitig, sei es bei Problemen im Elternhaus oder in der Schule. Aus Freundschaft wird Liebe, die beiden werden ein Paar und ergänzen sich perfekt - der nachdenkliche, verantwortungsbewusste Samuel und die quirlige, erlebnishungrige Maya. Doch nach einem schweren Verlust, mit dem die beiden ganz unterschiedlich umgehen, entstehen Gräben, die zunächst unüberwindbar scheinen. Die gute Kommunikation, die sie immer verbunden hat, wird zur Sprachlosigkeit. Finden die beiden wieder einen Weg zueinander? Ohne je pathetisch zu werden gelingt Franziska Fischer feinfühlig eine authentische Liebesgeschichte unserer Zeit, die nichts beschönigt, aber in ihrer ehrlichen Auseinandersetzung zum Thema Langzeitbeziehung Hoffnung macht und mitten ins Herz trifft!
Mit „Das unglaubliche Talent der Bailey Dowery“ von Trisha R. Thomas (Harper Collins Verlag; übersetzt von Julia Walther) machen wir eine Zeitreise in die 1950er-Jahre in Oklahoma. Bailey ist eine schwarze Schneiderin, die als Angestellte in einem Brautmodengeschäft edle Brautkleider für die weiße Oberschicht des Ortes anfertigt. Doch neben ihrer kreativen Ader für Stoffe und Mode, hat sie noch eine geheimnisvolle Gabe: Wenn sie Menschen berührt, kann sie deren Wünsche, Ängste und Sehnsüchte in Vergangenheit und Zukunft sehen - Segen und Fluch gleichermaßen. Baileys Talent hat sich in Oklahoma herumgesprochen und immer wieder wird sie von ihren Kundinnen um Hilfe gebeten. Als die Tochter eines reichen Ölbarons um ihre Dienste bittet, wird Bailey ihre Gabe fast zum Verhängnis und sie gerät zwischen die Fronten voller Hass, Lügen und Obsessionen … „Bailey Dowery“ liest sich zum einen wie ein spannender Krimi ...
... zum anderen ist es aber auch ein aufschlussreiches Gesellschaftsportrait der damaligen Zeit in den USA, wo Rassismus, Vorurteile und Klassenunterschiede den Alltag der Menschen bestimmt haben.
Ein toller Unterhaltungsroman mit Mehrwert!
„Der Eigenname ist das feinste Kleid, das wir tragen.“ (Jean Paul)
Unser Name ist ein wesentlicher Teil unserer Identität, der uns durch unser Leben begleitet und als Erinnerung bleibt. Und so bleiben
auch die Namen vieler Romanfiguren in unserem Gedächtnis und bereichern uns mit ihren Geschichten. Welche literarischen Protagonist:innen bleiben für euch unvergessen?
Wir lesen uns!
Eure Buchstaplerin
© FTF, Sabine Fuchs und Ulrike Heppel
All rights reserved. Do not use our pictures and content without our permission.
Alle Fotos und Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne unsere Einwilligung übernommen und verwendet werden.
Wir freuen uns auf deinen Kommentar