FTF Die Buchstaplerin #51 – Ein bunter Strauß voller Buchneuerscheinungen
Der Mai ist da! Mein Lieblingsmonat, in dem sich der Frühling in all seiner Pracht entfaltet, alles grünt und blüht, der Sommer liegt wie ein Versprechen vor uns und selbst der Mai-Regen macht schön … das wollen wir mal glauben! Entsprechend dem Wonnemonat schenke ich euch einen bunten Strauß voller Buchneuerscheinungen, die mich in diesem Frühjahr schon begeistert haben.
„Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!
Wenn ich solche Worte singe,
braucht es dann noch große Dinge,
Dich zu preisen, Frühlingstag!“
Ludwig Uhland
Ein bunter Strauß voller Buchneuerscheinungen
Zur Jahreszeit passend ist Hiltrud Baiers herzenswarmer Roman Mai Juni Juli (Oktopus Verlag), in dem die Göteborger Gourmet- und Fernsehköchin Linn kurz vor einem Burnout steht und sie neue Wege für sich selbst suchen muss. Sie zieht gerade noch rechtzeitig die Reißleine, nimmt sich eine Auszeit und reist inkognito nach Nordschweden, wo sie hoffentlich unerkannt neue Kraft und Energie tanken kann. In einem kleinen, abgelegenen Örtchen in Lappland findet sie eine Hütte, die sie an die Urlaube ihrer Kindheit erinnert. Zunächst schottet sich Linn komplett von der Außenwelt ab, doch erst doch die bedingungslose Zugewandtheit und Empathie der Dorfbewohner:innen findet die junge Frau wieder zu sich selbst und erkennt, was wirklich zählt im Leben …
Beim Lesen spürt man die wilde Natur Lapplands und man genießt wie Linn eine Auszeit zwischen urwüchsigen Wäldern und Seen. „Mai Juni Juli“ ist ein feiner und berührender Roman, der erdet und glücklich macht!
Colin Walsh überzeugt mit Kala (Übersetzt von Andrea O´Brien; Gutkind Verlag) durch ein packendes Gesellschaftsdrama um Freundschaft, Schuld und den damit verbundenen Geheimnissen:
Nach 15 Jahren treffen drei alte Freunde in einem kleinen Ort an der irischen Westküste wieder aufeinander. Damals waren Helen, Joe und Mush Teil einer unzertrennlichen Clique, deren wichtigste Persönlichkeit die schillernd faszinierende Kala war -von allen umschwärmt und bewundert bis zu dem Tag, an dem sie spurlos verschwand.
Nun werden im nahen gelegenen Wald menschliche Überreste gefunden und es stellt sich die Frage: könnte es sich hier um Kala handeln? Helen, Joe und Mush müssen sich jetzt der Frage nach Schuld und Sühne und nach der Wahrheit, die alle viel zu lange verdrängt haben, stellen …
Mit psychologischer Finesse beleuchtet Colin Walsh aus wechselnden Erzählperspektiven einen Kriminalfall, der in seiner Vielschichtigkeit beeindruckt und ein außergewöhnliches Leseerlebnis schenkt!
Die Journalistin und Autorin Amelie Fried ist für mich ein Garant für gute Unterhaltungsromane mit Tiefgang. Eine von uns (Heyne Verlag) zeigt anschaulich, was wirklich zählt, wenn nichts mehr bleibt.
Nelly hat es geschafft: als Wirtshaus-Tochter ist sie heute mit einem erfolgreichen Wirtschaftscoach verheiratet, hat zwei Töchter und führt ein sorgloses Luxus-Leben, das sie regelmäßig auf Instagram unter dem Motto „Happy wife, happy life!“ in Szene setzt. Doch dann verunglückt ihr Mann Tom schwer und das ganze Kartenhaus fällt in sich zusammen, denn von dem Reichtum ist nichts mehr da, die Konten sind auf null. Nelly und ihre Töchter müssen sich der Realität stellen, was nicht allen immer gleichermaßen gelingt. Trotzdem nehmen sie mit Zähneknirschen die Herausforderung an: von der Villa in eine Sozialwohnung, vom Luxusweibchen zur Putzfrau – nichts ist mehr wie es war, doch Nelly zeigt Kampfgeist und bietet ihrem Schicksal die Stirn …
„Eine von uns“ ist wie ein umgedrehtes Märchen – von der Prinzessin zum Aschenputtel – und es zeigt mit viel Humor und einer fesselnden Handlung, wie schnell unser Leben anders sein kann. Es geht um Lebenslügen, oberflächliche Beziehungen und echte Freundschaft, sozialen Abstieg und geplatzte Träume, aber auch um Mut, Hoffnung und familiären Zusammenhalt, der durch schwierigere Zeiten trägt!
In poetisch atmosphärischen Bildern erzählt Petra Hucke in Unterwasserblau (Eisele Verlag) von Herkunft, Kindheit, Familie und vom Loslassen der eigenen Vergangenheit.
Jessica und Ingwer verbringen ihren Hochzeitstag mit seiner Familie auf einer Kanufahrt im Spreewald. Die Idylle zeigt Risse, als Jessica durch einen unerwarteten Anruf vom Tod ihres Vaters erfährt. Im Gegensatz zu Ingwers liebevoller Familie ist Jessicas Herkunft von Lieblosigkeit, Ablehnung und Schuldzuweisungen geprägt, selbst auf dem Friedhof sieht sie sich mit den Vorwürfen ihrer Mutter konfrontiert. Jessica versucht sich abzugrenzen und stellt dabei vieles in Frage, doch die Vergangenheit mit all den verdrängten traumatischen Erfahrungen holt sie immer wieder ein – gelingt es Jessica, sich zu befreien und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben?
Petra Hucke zeigt mit einem zärtlich-humorvollem Erzählton, wie sehr die Wunden einer Kindheit das Leben einer erwachsenen Frau beeinflussen können und wie schwer es ist, sich von alten Kindheitsmustern zu lösen, um unbelastet neue Wege zu gehen. Ein ermutigender Akt der Befreiung, der zum Nachdenken einlädt!
Wir freuen uns sehr, dass wir drei Exemplare „Unterwasserblau“ von Petra Hucke auf Instagram verlosen dürfen – ein herzliches Dankeschön an den Eisele Verlag.
Ein literarisches Gedankenspiel der Extraklasse ist für mich der Debütroman Die Namen von Florence Knapp (übersetzt von Lisa Kögeböhn; Eichborn Verlag). Welchen Einfluss hat der von den Eltern ausgesuchte Vorname auf einen Lebensweg?
1987: Cora möchte auf dem örtlichen Standesamt ihren neugeborenen Sohn registrieren lassen, aber sie ist unsicher, wie der Junge heißen soll. Sie selbst würde ihn gerne Julien nennen, ihre neunjährige Tochter Maia wünscht sich den Namen Bear und ihr narzisstischer, gewalttätiger Ehemann Gordon ist der Meinung, sein Sohn sollte seinen Namen tragen. Drei Namen – drei Leben – drei Geschichten, die so sich ganz unterschiedlich entwickeln …
In sieben-Jahres-Abschnitten erzählt Florence Knapp abwechselnd von Bear, Julien und Gordon und sie zeigt eindrucksvoll, wie der Name einen Menschen und sein Umfeld prägen kann. Originell, kreativ und sehr emotional gleicht die Lektüre einer Achterbahn der Gefühle mit allen Hochs und Tiefs und die unterschiedlichen „was wäre, wenn-Optionen“ geben Raum für eigene Gedankenspielereien!
Vier Schwestern, eine Leiche, zu viele Verdächtige und jede Menge Geheimnisse – das sind die Grundzutaten zu Katie Bernets Pageturner Beth is dead (übersetzt von Katarina Ganslandt; dtv Verlag): als der strahlende Mittelpunkt der Familie March ermordet im Schnee aufgefunden wird, geraten die drei Schwestern unter Verdacht, denn jede von ihnen hat so ihre Heimlichkeiten, die sie gekonnt vor der Familie verbirgt. Jo ist erfolgreiche Influencerin und würde alles für noch mehr Follower:innen tun, aber wo ist ihre Grenze? Amy möchte in Europa Kunst studieren, aber dafür braucht sie das Geld, das eigentlich für Beth vorgesehen war. Und Meg sieht sich mit Beth im Konkurrenzkampf um ihren Freund – alle drei hatten ihre persönlichen Konflikte mit Beth, aber auch ihr Vater spielt eine schwierige Rolle in der Familie, denn durch seinen äußerst umstrittenen Bestseller, mit dem er seine Töchter unfreiwillig und stellenweise äußerst peinlich in die Öffentlichkeit gezerrt hat, wurden alte Wunden wieder aufgerissen. Und nicht nur die Familie hatte Grund, Beth aus dem Weg zu schaffen …
Ein fesselnder Krimi und gleichzeitig eine spannende Familiengeschichte, deren Dynamik und die Konstellationen untereinander allein schon faszinierend und mitreißend beschrieben sind. Dem Buch liegt der Klassiker „Betty und ihre Schwestern“ zugrunde und Katie Bernet versteht es ausgezeichnet den Roman von Louisa May Alcott mit ihrer Krimihandlung zu verbinden. Ein raffiniert erzählter Pageturner, der sich kaum aus der Hand legen lässt!
Eine ungeschönte und authentische Liebesgeschichte erzählt Christian Huber in Solange ein Streichholz brennt (dtv Verlag): Bohm ist 38 Jahre alt und lebt nach einer Verkettung unglücklicher Umstände als Obdachloser in Köln. Sein wichtigster Besitz sind zwei Mäuse aus Holz, die er immer bei sich trägt und ein Brief, den er sich nicht zu öffnen traut. Und da ist Alina, eine Journalistin beim Fernsehen, die Sorgen um ihre berufliche Zukunft hat und die deswegen auf der Suche nach der ganz großen Story ist. Als sie mit einer Reportage über Obdachlosigkeit in Köln beauftragt wird, lernt sie durch Zufall Bohm kennen, der sich zunächst sehr sperrig verhält. Doch aus Sorge um einen kleinen, zugelaufenen Hund, lässt er sich auf einen Deal mit Alina ein und die anfängliche Distanz zwischen den beiden schmilzt zunehmend …
Mit viel Herzenswärme und Feingefühl schildert Christian Huber den Weg zweier Menschen, die den eigenen Gefühlen misstrauen und trotzdem ganz langsam, Schritt für Schritt, Vertrauen fassen und aufeinander zugehen. Gleichzeitig zeigt er den Alltag von Menschen, die sich am Rande unserer Gesellschaft befinden, und deren Leben durch ihr individuelles Schicksal es wert ist, erzählt zu werden – denn jedes kleine Streichholz erzeugt Wärme! Eine fast märchenhafte, nachdenklich machende Geschichte zum Lachen und zum Weinen!
Mein großes Faible für Kochbücher hat mich eine wunderschöne Entdeckung machen lassen: Die Rezepte aus dem Cottage Garden von Annalena Bokmeier, zauberhaft illustriert von Marjolein Bastin (Hölker Verlag) laden dazu ein, das Landleben zu genießen und dessen besondere Atmosphäre in der eigenen Küche willkommen zu heißen. 55 sommerliche Rezepte, liebevoll ausgesuchte Gedichte und Zitate und die stimmungsvollen Illustrationen machen allein schon beim Durchblättern glücklich – und hungrig. Panierte Auberginen, Salat mit gerösteten Erdbeeren, Ratatouille-Tartes, Cheddar-Brot, Erbsen-Fisch-Cakes auf Rote Bete Creme, Mohn-Aprikosen-Torte, Aprikosencrumble, Blaubeer-Cupcakes, Quarkwaffeln, Kamillen-Eistee mit Brombeeren oder Birnen-Cider -hier ist für jeden etwas Passendes dabei, das einen Sommertag zu etwas besonderem macht! Das perfekte Geschenk für sich selbst oder für einen Lieblingsmenschen!
„Schön war es mit ihr. Ich hab gestaunt,
ich hab gelacht, hab eine Nacht mit ihr verbracht.
Ich erobere schier jede Seit von ihr. Hab sie geliebt,
hab ihren Rücken gefasst, hab keines ihrer Worte verpasst.
Sie gänzlich zu erobern war mein Bestreben,
erst gegen Morgen hat sie sich ergeben.
Schade, das ist es dann gewesen –
ich habe mal wieder eine gute Lektüre zu Ende gelesen.“
Von Manfred Sestendrup aus dem Zeit-Kalender: Was mein Leben reicher macht.
Ich glaube, man kann es nicht schöner in Worte fassen und genau solch ein beglückendes Leseerlebnis wünsche ich euch mit eurem nächsten Buch!
Wir lesen uns!
Eure Buchstaplerin
© FTF, Sabine Fuchs und Ulrike Heppel
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