Warum Frauen ab 50 nicht unsichtbar sind, aber unbequem
Einer der Auslöser für die Entstehung von Fuck the Falten war ein kleines, aber nachschwingendes Ereignis, das sich dann letztlich zu einem wichtigen Diskussionsthema für uns entwickelte: Die Sichtbarkeit von Frauen im Alter. Sabine und ich waren uns ganu schnell einig – mit diesen Themen sind wir nicht alleine, das wollen wir mit Gleichgesinnten teilen und diskutieren. Wir werden einen Blog ins Leben rufen – für Frauen ab 50!
Aber nun erstmal zu der Geschichte:
Ich war mit dem Radl unterwegs ins Büro und plötzlich pfiff mir ein Müllmann hinterher. Nach anfänglich leichter Entrüstung stellte ich aber fest, dass es mir dann doch eher schmeichelte. Denn wann genau hatte mir das letzte Mal jemand hinterhergepfiffen? Das musste schon eine Weile her gewesen sein. Eine ernüchternde Erkenntnis, mit der ich leicht irritiert das Büro betrat und Sabine sofort mit diesem Thema zutextete. Es entwickelte sich ein reger Schlagabtausch zwischen uns und am Ende stand da die große Frage:
Ab wann wird man als Frau unsichtbar?
Diese Frage haben wir „Boomer“ uns sicher alle schon mal gestellt, oder? Denn das Thema ist allgegenwärtig. Sei es in Gesprächen, in Interviews, in Kolumnen oder Podcasts. Und irgendwie schwingt da trotz aller Gelassenheit, die wir dazu vielleicht schon entwickelt haben, immer etwas mit. Eine seltsame Mischung aus Resignation, stiller Angst oder gar Panik.
Unsichtbar! Dieses Wort schon …
Als würde man verblassen oder immer weniger werden, sich gar auflösen. Oder schlimmer noch, als würde das Leben ständig leiser, kleiner, bedeutungsloser.
Aber bei näherem Hinschauen bin ich der festen Überzeugung, dass das so nicht stimmt. Denn wir werden nicht unsichtbar! Wir haben nur aufgehört, uns ständig sichtbar machen zu müssen. Und genau das fühlt sich manchmal wie eine Art Kontrollverlust an, an dem wir knabbern.
Sichtbar wofür nochmal?
Denn sind wir mal ehrlich. Wir waren alle viele Jahre sichtbar, aber oftmals nicht wie das unseren eigenen Vorstellungen entsprochen hätte. Wir waren fleißig, hübsch, zuverlässig. Wir waren die, die alles im Griff hatten, die, die immer lächeln, die, die es allen recht machen. Wir waren sichtbar im System, im Job, in unseren Beziehungen, in Familienstrukturen. Aber bei genauerem Hinschauen fühlt es sich im Nachhinein nach Sichtbarkeit in Rollen an.
Mit 20 wollten wir gefallen, mit 30 wollten wir funktionieren, mit 40 spielen wir das Spiel eben mit und mit 50 haben wir uns doch vielleicht auch schon mal gefragt:
Will ich das eigentlich wirklich noch?
Wenn „Gefallen wollen“keine Priorität mehr hat
Und dann verschiebt sich plötzlich etwas. Du merkst, wie viel Kraft es dich kostet, ständig sympathisch zu wirken. Wie anstrengend es ist, dich kleiner zu machen, um andere nicht zu irritieren. Dass du Sätze sagst wie: „Ist ja nicht so schlimm …“, obwohl es doch schlimm ist.
Dann passiert etwas ganz Leises: Du fängst an, weniger mitzumachen, weniger angepasst zu sein. Du lachst nicht mehr automatisch über Witze, die du nicht lustig findest. Du erklärst deine Meinung nicht mehr mit einem vorsichtigen „Ich könnte mich natürlich auch irren, aber …“. Du sagst Nein, ohne gleich drei Begründungen hinterherzuschieben.
Und plötzlich verändert sich der Blick auf dich. Nicht, weil du unsichtbar bist, sondern weil du nicht mehr dekorativ bist.
Unbequem ist wahrlich kein Charakterfehler
Unbequem klingt erstmal wahnsinnig negativ. Es klingt nach Widerstand und Konflikt. Oder gerne auch nach dem schönen Ausdruck „schwierig“.
Dabei heißt es doch oft nur: Ich stimme nicht mehr automatisch zu und passe mich nicht reflexartig an und ich bin nicht mehr bereit, Harmonie um jeden Preis zu sichern. Unbequem ist eine Frau, die ihre Erfahrung ernst nimmt und ihre Kompetenz nicht relativiert. Jemand, die weiß, was sie kann – und was sie nicht mehr will. Das Problem ist nicht die Unbequemlichkeit, es ist die Erwartung, dass wir es nicht sein sollten.
Klar, das System liebt angepasste Frauen
Als angepasste Frau ist man berechenbar, stellt sich zurück, arbeitet viel, entschuldigt sich schnell.
Ist man eine unbequeme Frau, stellt man Fragen wie: Warum eigentlich immer ich? Warum wird das als „ist doch normal“ erwartet? Warum soll ich mich schämen für mein Aussehen, meine Müdigkeit oder für meine Grenzen?
Und plötzlich wackeln Dinge. Nicht laut, eher leise, aber spürbar.
Die Sache mit der Attraktivität
Ein Teil der „Unsichtbarkeit“ hat natürlich mit der Attraktivität zu tun. Mit dem gesellschaftlichen Blick, der Frauen lange über „Jungsein“ und „Schönsein“ definiert.
Mit 20 wird einem hinterhergepfiffen, mit 30 wird man bewertet, mit 40 reitet man die Welle irgendwie noch mit und mit 50 beginnt man, aus diesem Raster zu fallen. Aber vielleicht ist das gar kein Verlust, auch wenn es sich ganz bestimmt erstmal so anfühlt. Aber bei genauerem Hinsehen empfinde ich es als Entlastung. Nicht mehr permanent taxiert zu werden, im Dauerwettbewerb um das gute Auszusehen und nicht mehr permanent zu überlegen, wie man im Außen wirkt. Vielleicht ist das kein Verblassen.
Es ist Freiheit!
Ich merke bei mir …,
dass ich anders durch Räume gehe als früher. Ich suche nicht mehr automatisch nach Zustimmung und scanne nicht mehr ständig, wie ich wirke. Ich laufe im Schwimmbad anders zum Becken als früher, denn ich ziehe nicht mehr automatisch den Bauch ein, bis ich fast keine Luft mehr bekomme. Ich nutze die Luft jetzt lieber zum Schwimmen.
Ich habe weniger Lust, mich in Gesprächen kleiner zu falten, ich habe weniger Geduld für Erwartungen, die nicht meine sind. Und ich habe schon gar keine Angst mehr davor, nicht gemocht zu werden.
Ich finde, das fühlt sich nicht nach Unsichtbarkeit an, das fühlt sich nach Erwachsensein an.
Wir haben eben Substanz und die ist nicht immer leicht verdaulich. Und genau das irritiert manchmal.
Wenn wir manchmal das Gefühl haben, weniger gesehen zu werden, sollten wir einfach genauer hinschauen.
Denn vielleicht werden wir gar nicht übersehen, sondern nur nicht mehr nach den Maßstäben bewertet, die sowieso nie wirklich unsere waren. Wir sind nicht unsichtbar, wir sind klarer und das wirkt auf Menschen, die noch im „Gefallen-Modus sind“, schnell wie Widerstand.
Aber das ist es nicht! Das ist Selbstachtung.
Frauen ab 50 sind nicht unsichtbar, sie sind erfahrener, ruhiger und weniger bereit, sich zu verbiegen.
Und ja – manchmal unbequem.
Aber ganz ehrlich? Ich finde, genau das steht uns ausgezeichnet. Oder etwa nicht?
© FTF, Sabine Fuchs und Ulrike Heppel
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